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Konservierung der Berkowski-Daguerreotypie abgeschlossen

Als Dr. Reinhard Schielicke in Begleitung von Dr. Babette Forster (beide Friedrich-Schiller-Universität Jena) mit der so genannten Berkowski-Daguerreotypie zu uns nach Chemnitz fuhren, war noch völlig offen, was sich daraus entwickeln würde. Viele Jahre schon lagerte das nur 5 x 6,1 cm große Objekt wohlverpackt in einem Karton, allerdings ebenso lange bereits ohne Deckglas. Wann die Scheibe zu Bruch ging, verraten die Jenenser Annalen nicht.
Die starke Silbersulfid-Bildung auf dem Daguerreotypie-Winzling, entstanden durch schwefelhaltige Luft, lässt das Motiv nur noch schwer erkennen. Es handelt sich um die erste fotografische Aufnahme einer totalen Sonnenfinsternis, entstanden im Jahr 1851, aufgenommen von einem der ersten Fotografen im ostpreußischen Königsberg: J. Berkowski. Sie gehört zu den Schätzen der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität und wird im Astrophysikalischen Institut aufbewahrt. Dr. Reinhard Schielicke befasst sich gemeinsam mit einem Kollegen seit vielen Jahren mit dieser Inkunabel der astronomischen Fotografie, weshalb er weiter unten ausführlich zu Wort kommen wird.
Zunächst galt es die Frage zu erörtern, ob eine bessere Sichtbarmachung des Bildmotivs auf chemischem Wege eine Option sein würde. Wir arbeiten mit dem von Susan Barger in den USA entwickelten elektrolytischen Verfahren, electro cleaning genannt, bei dem das Silbersulfid in einem Bad unter Einsatz einer Gleichstromquelle reduziert werden kann. Gravierende Probleme sind nicht bekannt. Allerdings wird auch bei diesem Verfahren metallisches Silber (in winzigen Dosen) aus der Bildoberfläche herausgelöst und letztlich stellt dieser Eingriff einen irreversiblen Prozess dar. Um die kleine Daguerreotypie behandeln zu können, müsste sie aus ihrer Verklebung unter dem Passepartout herausgelöst werden. Nach langer Beratung wurde sich gemeinsam dafür entschieden, das unersetzliche, weltweit in Fachkreisen bekannte Stück keiner solchen Prozedur auszusetzen. Da ein Restrisiko immer bleibt, sollte dieses gänzlich ausgeschlossen werden. Viel wichtiger wurde der Schutz vor weiterem Luftzutritt und die Entfernung von anhaftendem Staub angesehen.
Es wurde die Option erkannt, durch Bearbeitung des kontrastarm gewordenen Bildes mit dem Programm Photoshop eine Verbesserung zu erwirken, ohne in die Substanz der Daguerreotypie eingreifen zu müssen.
Zunächst soll die Geschichte und Bedeutung der Daguerreotypie in einem Beitrag von Dr. Reinhard Schielicke beleuchtet werden, den wir mit freundlicher Genehmigung des Autors hier wiedergeben:

„Im August des Jahres 1901 erhielt die Sternwarte (Jena) ein ganz besonderes Inventarstück aus dem Nachlaß des Professors Karl Thomas (1809-1873) aus Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Es handelte sich um die erste richtig belichtete photographische Aufnahme einer Sonnenkorona bei der totalen Sonnenfinsternis vom 28. Juli 1851. Der Mond verdeckte die Sonne von 15 Uhr 38 bis 17 Uhr 38, die totale Verfinsterung dauerte knapp 3 Minuten. Der Direktor der Königlichen Universitäts-Sternwarte zu Königsberg August Ludwig Busch (1804-1855) und der Observator in Christiania (heute: Oslo) Carl Frederic Fearnley (1818-1890), der sich als Gast an der Sternwarte zu Königsberg aufhielt, beobachteten die Finsternis von Rixhöft (heute: Rozewie) aus, einem Ort an der Ostseeküste in der Nähe des Punktes, »an
welchem die Halbinsel Hela mit dem festen Lande zusammenhängt«. Fearnley und Busch gaben eine eindrucksvolle Schilderung ihrer Beobachtungen wieder: »Als der letzte Sonnenstrahl verschwunden war, und ich plötzlich im Fernrohre die ganze Glorie wahrnahm, zog ich nur ungern den Kopf davon weg, um die Sekunde zu notiren […]. In demselben Augenblick hörte man von der Gallerie des Leuchtthurms, wo sich mehrere Damen versammelt hatten, einen Ausruf: ,Ah! Die Sterne!’ Dadurch wurde ich veranlaßt mich einige Augenblicke umherzusehen […]«. Es bot sich »in der ganz unerwarteten Farbenpracht des Himmels ein überraschender Anblick dar, der mich unwiderstehlich hinzog, mehrere Sekunden hindurch mit bloßen Augen das nie Gesehene und nie Geahndete zu schauen. Große, mit dem Horizonte parallel laufende Strichwolken schienen sich mit dem Verschwinden des letzten Lichtfunkens plötzlich gebildet zu haben, die theils violett, theils braunröthlich gefärbt, einen Hintergrund zeigten, der im reinsten gesättigsten Gelb glänzte, und der ganzen Gegend eine Beleuchtung gaben, die weder mit der schönsten Morgen- noch Abenddämmerung einen Vergleich aushält«. Zum Schluß seines Berichts in den Astronomischen Nachrichten machte Busch die Mitteilung, »daß die auf der Sternwarte [Königsberg] selbst angestellten Versuche, mit Hülfe der Aufstellung des Heliometers ein Daguerresches Bild von der Corona zu erhalten, vortrefflich durch den geschickten Daguerreotypisten, Herrn Berkawski, gelungen sind. Die Protuberanzen sind so deutlich auf dem Lichtbilde zu erkennen, daß Herr Observator Dr. Wichmann (1821-1859) sich versucht fühlte, ihre gegenseitige Lage daraus zu bestimmen«.
Busch hatte den Königsberger Daguerreotypisten Berkowski (auch Berkawski bzw. Barkowski geschrieben) aufgefordert, die Finsternis zu photographieren. Dazu hatte er ein »21&Mac218;2füßiges (812 mm) Fernrohr von Fraunhofer von 27 Linien (60,9 mm) Öffnung mit dem Stativ des Heliometers […] innigst befestigt […]«. Nach Vorversuchen am Mond belichtete Berkowski 84 s lang von 16:39:00 bis 16:40:24 mittlerer Ortszeit. Der Monddurchmesser war im Original 7,85 mm groß. Dazu hatte er eine versilberte Kupferplatte geputzt und poliert, sodann Jod- (Lichtempfindlichkeit) und Bromdämpfen (Hypersensibilisierung) ausgesetzt. Nach der Belichtung hat er das latente Bild in warmem Quecksilberdampf entwickelt und in einer Natriumthiosulfatlösung fixiert, wie von Louis Jacques Mandé Daguerre (1787-1851) 1835 angegeben. Im Unterschied zu diesem trockenen Verfahren bezeichnete man später nasse Verfahren, die mit Glas oder Papier sowie Kollodium und Gelatine arbeiten, als Photographie. Carl Friedrich Wilhelm Peters (1844-1894), der damalige Direktor der Sternwarte zu Königsberg, hat das Original auf der Versammlung der Astronomischen Gesellschaft in München 1891 während seines Vortrags gezeigt - danach verliert sich sein Weg. Gleichzeitig hat Peters photographische Reproduktionen herstellen lassen, die in Büchern veröffentlicht sind (Scheiner 1897, dort als »Älteste coelestische Aufnahme von wissenschaftlichem Werthe« bezeichnet, und Pringsheim 1910). Schließlich hat Robert Trossin (1820-1896), der Direktor der Königlichen Malerakademie in Königsberg einen um das 4,6fache vergrößerten Stahlstich angefertigt. Berkowski selbst hat unmittelbar nach der Aufnahme mindestens vier Kopien wieder als Daguerreotypien hergestellt: eine davon erhielt Moser, vererbt an Levinstein, der sie 1889 in Berlin ausstellte, eine zweite Adolph Cornelius Petersen (1804-1854) in Altona, vererbt an Wilhelm Schur (1846-1901), 1876 in Süd-Kensington ausgestellt, seitdem ist sie verschollen, und eine weitere bekam Richard Schumacher (1827-1902), 1851 Student in Königsberg, später dann in Altona, der sie an den Kaufmann Parish (1774-1858) in Hamburg weitergab; möglicherweise existieren wohl noch andere Kopien.
Eine dieser Daguerreotypie-Kopien - mit einem Monddurchmesser von 8,7 mm - fand über Karl Samuel Thomas den Weg nach Jena. Über ihn findet man im Jenaer Universitäts-Archiv reiche Quellen: Thomas hat in Königsberg über Spinoza promoviert, wurde aber wegen seiner Sympathie zu Herbart von der Königsberger Philosophischen Fakultät nicht auf eine Professur berufen. Vor 1870 zog er nach Waldkirch bei Freiburg, wo er auch begraben ist. Testamentarisch hat er seine Ehefrau Laura Adelheid Kunigunde geb. Schimmelpfennig als Alleinerbin eingesetzt. Umfangreiche Akten berichten von der Testamentsvollstreckung, auch von der Überlassung des Nachlasses Thomas nach dem Tode der Ehefrau im Jahr 1896 an das Pädagogische Seminar der Universität Jena (Stoysche Anstalt). Darunter befindet sich auch eine Stiftungsurkunde der »Karl-Thomas-Stiftung« (Bücher, ein jährlich zu vergebender Preis von 100 Mark, …), aber kein Wort über irgend eine Daguerreotypie. Seit 1901 zählt eine der von Berkowski angefertigten Kopien der Original-Daguerreotypie der Sonnenkorona bei der Sonnenfinsternis vom 28. Juli 1851 zum Inventar der Jenaer Universitäts-Sternwarte.“

Entdeckungen und Konservierung -
Anmerkungen aus restauratorischer Sicht

Reste vom ursprünglichen Siegelpapier der Daguerreotypie sind vorhanden, woraus sich dessen Farbe und Breite ablesen ließ. Unter der (hochkant gedrehten) Aufnahme ist von Hand die Jahreszahl ”1851.” auf das Passepartout gesetzt. Weitere Inschriften gibt es an dem Objekt nicht. Auf der Rückseite hatten Neugierige das Rückpapier bereits schon ein Stück geöffnet, weshalb sich die Daguerreotypie lockerte. Diese Lockerung führte zum Verrutschen der Platte unter dem Passepartout, wodurch wiederum das Bild sehr gefährdet war: Kratzer durch das Passepartout können die Folge sein.
Durch die rückseitige Öffnung des Papiers war deutlich ersichtlich, was man schon durch das Papier abgedrückt sehen konnte: die Daguerreotypie wurde aus einer etwas größeren Platte geschnitten. Sie ist nicht viereckig, sondern annähernd oval (aber unregelmäßig) in ihrer Binnenform. Für diese Tatsache gibt es keine plausible Erklärung, denn der Ausschnitt des Passepartouts ist viereckig mit abgeschrägten Ecken. Das nachträgliche Beschneiden der in der Kamera normalerweise immer viereckigen Kupferplatte wurde praktiziert, wenn man Daguerreotypien in Schmuckstücke bringen wollte, z.B. in Medaillons. Selbstverständlich barg dies immer das Risiko einer Beschädigung. Ohne zwingenden Grund ist deshalb ein Beschnitt recht verwunderlich.
Eine weitere Frage ergibt sich für den mit Daguerreotypien befassten Forscher: handelt es sich bei Berkowskis Aufnahme, für die nur wenig Zeit zur Verfügung stand, um eine seitenrichtige oder spiegelbildliche Aufnahme? Daguerreotypien entstehen seitenverkehrt, es sei denn, man dreht das Bild über einen Spiegel oder ein Umkehrprisma – was allerdings immer mit Lichtverlust verbunden ist. Dies wird durch eine längere Belichtungszeit kompensiert, die aber nicht immer machbar ist.

Das lithographierte Passepartout ist ein Serienartikel, den Berkowski vielleicht für Minaturporträts vorrätig hatte. Eigentlich war er ja Porträtist, der bis ins Alter zunächst mit dem Daguerreschen Verfahren, dann aber auch noch mit dem nassen Kollodiumverfahren gearbeitet hat. Sammler schätzen die seltenen Aufnahmen im Format der Carte de Visite, die rückseitig mit der Anschrift "Photographisches Atelier J. Berkowski Königsberg i(n) Pr.(eußen) Münz-Str(aße) No. 6" gekennzeichnet sind. Die Münz-Straße war das "Fotografenviertel" von Königsberg, denn hier lebten in dichter Konzentration zahlreiche Lichtbildner der östlichsten Metropole Preußens. Das Haus, und später auch das Atelier Berkowskis gehörte dem Fotografen Gottweil, Berkowskis Schwiegersohn. Liebhabern alter ostpreußischer Fotos ist das "Atelier Gottweil und Sohn" aus Königsberg ein Begriff, es gehörte zu den bekanntesten der Stadt. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war es existent.

Vollkommen einig waren sich alle Beteiligten, dass die Verglasung der Daguerreotypie als wichtigste Maßnahme zum Erhalt des Stück und zum Stoppen der Sulfidbildung zügig vorgenommen werden muss.
Zunächst wurde durch Vermessen der Klebepapierreste die ursprüngliche Stärke der Glasscheibe ermittelt, die zwei Millimeter betrug. In eben dieser Stärke wurde ein Ersatzglas geschnitten und dessen Schmalseiten leicht geschliffen.
Die verrutschte Daguerreotypieplatte wurde in ihre richtige Position gebracht und das Rückpapier wieder geschlossen. Mit Druckluft erfolgte eine Reinigung der Daguerreotypie von Staubkörnchen. Das neue Siegelpapier orientiert sich in seiner Farbigkeit an den grünlichgrauen Resten der alten Versiegelung (Retuschen wurden mit Künstlerölfarben ausgeführt). Das hauchdünne neue Papier wurde mit Gelatine verklebt. Die Verwendung selbstklebenden Archivbandes wurde ausgeschlossen, da es sich nicht wieder zerstörungsfrei vom Originalpapier lösen würden. Alle vorgenommenen Maßnahmen sind reversibel.
Interessant im Zusammenhang mit der Neuversiegelung ist ein Zweitstück der Berkowski-Daguerreotypie, die der deutsche Fotohistoriker Erich Stenger mittels eines Reprofotos dokumentierte. Diese Reproduktion befindet sich heute in der Sammlung des Agfa-Fotohistoramas im Museum Ludwig in Köln. Bodo von Dewitz hat sie in seinem einführenden Artikel zum legendären Katalog "Silber und Salz" abgebildet (Köln 1989). Aus welchem Besitz diese Daguerreotypie stammte, konnte nicht aufgeklärt werden. Stenger hat hierzu keine Aufzeichnungen hinterlassen. Aber es wird ersichtlich, dass es sich um eine dem Jenenser Exemplar adäquate Daguerreotypie gehandelt hat. Sie ist, wie bei Daguerreotypien damals häufig der Fall, mit einer dünnen Borte aus geprägtem Papier umklebt, einem so genannten Perlstab. Diese Tatsache wurde bei der Neuversiegelung berücksichtigt. Eine adäquate Borte aus Altbeständen wurde verwendet, so dass die Berkowski-Daguerreotypie nun wieder ihrem ursprünglichen Aussehen nahekommt. Die Fassung mit einem bedruckten Passepartout und die Umrahmung mit Borte bringen die Wertschätzung deutlich zum Ausdruck, die man den unikaten Daguerreotypien damals entgegenbrachte.

(Jochen Voigt, März 2013)

ate   Abb. ganz oben: Daguerreotypie ohne Deckglas, Zustand 2012.

Abb. mittig: Zweitstück, reproduziert von Erich Stenger, Verbleib unbekannt.

Abb. unten: Versiegelte und mit Papierborte versehene Daguerreotypie, Zustand 2013. Mit dem Programm Photoshop wurde eine Kontrastverstärkung vorgenommen.

Abb. links: Aufdruck auf einer CdV Berkowskis, Anfang der 1860er Jahre.


   
   
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