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"... als zartes Geschenk"
Daguerreotypien von Julius Richter

Seit 2004, dem Gründungsjahr von www.daguerreotype-gallery.de, konnten wir ein digitales Bildarchiv anlegen, in dem sich inzwischen hunderte Daguerreotypien befinden. Viele dieser Dokumentationsaufnahmen wurden uns von Museumsmitarbeitern, Archivaren, Kunsthistorikern und Sammlern übermittelt. Immer wieder gehen Anfragen ein in der Hoffnung, in unserem Archiv fündig zu werden. Und tatsächlich war es uns schon oft möglich, Auskünfte zu Daguerreotypisten, Atelierhintergründen oder Schlagstempeln zu geben. Und bisweilen entstehen dann daraus weiterführende Forschungen, die hochinteressante Ergebnisse zeitigen. So auch im folgenden Fall.

Der Berliner Kunsthistoriker Heinz-Werner Lawo stellte uns 2011 eine Daguerreotypie vor, die mit zwei unverwechselbaren Atelierutensilien aufwartet: einem gemalten Landschaftshintergrund und einer markanten Vase. Die rückseitige Inschrift verrät den Namen des Dargestellten: "Vaters Vater Stoldt".
Sogar ein Aufnahmedatum ist vermerkt: 1858.
Aber wer könnte der Daguerreotypist gewesen sein? Diese spannende Frage stellt sich bei jeder unbezeichneten Daguerreotypie aufs Neue. In diesem Fall halfen Aufnahmen weiter, die uns 2010 ein Bildarchivar zur Verfügung gestellt hatte. Auf ihnen ist eine Daguerreotypie mit dem Bildnis
Ottomar Schiemanns dokumentiert, auf der zweifellos das selbe Atelierutensil zu sehen ist – die Vase.
Beim Vergleich beider Daguerreotypien wird deutlich, dass es sich auch um den selben kleinen Tisch handeln muss.
Ein glücklicherweise vorhandenes Label auf der Rückseite der Ottomar Schiemann-Daguerreotypie weist dieses Stück als eine Aufnahme von "J. Richter aus Berlin" aus.

Heinz-Werner Lawo nahm diese Fügung zum Anlass, näheres über L. Richter zu recherchieren. Im Ergebnis blitzt nun das Schaffen eines bislang wenig beachteten Daguerreotypisten aus dem Dunkel der Geschichte auf, und es wäre wunderbar, durch IHRE Mithilfe noch weitere Details – vielleicht sogar weitere Daguerreotypien – ausfindig zu machen.
Im Folgenden geben wir Heinz-Werner Lawos Recherche wieder, der zunächst das Referenzstück bespricht, also das Bildnis
Schiemanns vor einen Ateliervorhang:

"
Von der Schwester des porträtierten Ottomar Schiemann ist die Daguerreotypie mit Tinte beschriftet worden und exakt datiert: „gefertigt am 26ten Mai 1850 / vormittags 10 Uhr; gleichzeitig / Sterbestunde meines geliebten / theuren Vaters." Die Tochter von Ottomar, eine P. Schiemann, identifiziert darunter als Kommentar diese erste Notiz als eine von ihrer Tante, der Schwester ihres Vaters, Amanda Schiemann. Auf dem weißen Aufkleber schließlich gibt die Tochter die Lebensdaten ihre Vaters Ottomar nach dessen Tod an: "Daguerreotyp-Lichtbild meines Vaters im Alter von 25 1/2 Jahren. – Geb. 16.12.1824 in Danzig. gest. 11.1.1906 in Dresden."
Kaum zu glauben welche Emotionen über Generationen hinweg mit dieser Fotografie verbunden gewesen sein müssen. Im Zentrum dieses Familiendramas steht zunächst Amanda: Während ihr Bruder beim Fotografen ist, um sich für die Ewigkeit und die Familiengeschichte porträtieren zu lassen, stirbt der Vater, in Abwesenheit seines Sohnes und womöglich im Beisein seiner Tochter Amanda. Der Sohn kommt nach der Sitzung beim Fotografen nach Hause, um seiner Schwester zu berichten, was er erlebt hat, und er erfährt stattdessen von ihr, dass sein Vater gestorben ist. Tage später, wahrscheinlich erst nach der Beerdigung, wird die fertige Fotografie abgeholt und in der noch akuten Trauerphase betrachten Bruder und Schwester gemeinsam das Bild. Und in diesem Moment wird dieses Porträt des Bruders für die Schwester zum Epitaph für den geliebten Vater – und sie schreibt es diesem Bild ein. Es steht da fast wie ein Vorwurf an das Bild: "gleichzeitig Sterbestunde meines geliebten theuren Vaters".

Eine lange Generation danach, 56 Jahre später, Amanda ist inzwischen vielleicht auch schon gestorben, folgt der zweite Teil des Familiendramas. Denn erneut trauert eine Tochter um den geliebten Vater. Sie hat zwar noch sein altes Jugendbildnis, aber das ist quasi durch die Inschrift der Tante besetzt. Man bedenke: Es ist die Liebeserklärung einer anderen Frau an einen anderen Vater. Diese wenigen, doch sehr emotionalen Zeilen der "Schwester meines Vaters" müssen daher zunächst einmal zu einer "Notiz" degradiert werden. Erst dann kann die Tochter auf dem Aufkleber schreiben: "Lichtbild meines Vaters."
Wie jede gute Geschichte hat auch diese ein kleines Geheimnis. Es ist der gerade noch mit seinen Rändern sichtbare Aufkleber unter dem Aufkleber. Was für eine "Notiz" wurde da wohl überklebt?

Die Frage kann wohl hier nicht beantwortet werden, aber als Epilog dieses Dramas sei darauf hingewiesen, dass 74 Jahre nach dem Tod von
Ottomar Schiemann das Buch "Die helle Kammer" von Roland Barthes erscheint, und dieser Referenztext für die moderne Fototheorie entstand als Trauerarbeit Angesicht einer Fotografie von der gerade gestorbenen Mutter. Weniger bekannt, aber nach meiner Einschätzung genauso wichtig ist der Essay "Erfindung der Einsamkeit" von Paul Auster von 1982. Das gleiche Thema nur anders. Der Vater von Paul Auster ist gestorben und der Sohn findet beim Ordnen der Hinterlassenschaften dieses Porträt seines Vaters, das „Porträt eines Toten“.

Zurück zum Fotografen Richter: Das Porträt von
Ottomar Schiemann ist durch Nachfahren auf 1850, das von Großvater Stold auf 1858 datiert. Das erste Datum hat eine hohe Glaubwürdigkeit, das zweite kann über zwei Generationen zurückblickend nur geschätzt sein. Im Zeitraum zwischen den beiden Aufnahmen ist jedenfalls ein Henkel der Vase abgebrochen. Dass es sich um genau
dieselbe Vase handelt, steht außer Frage. Da in beiden Aufnahmen auch der Tisch identisch ist, muss es sich um Requisiten des gleichen Fotografen handeln. Das Porträt von Großvater Stoldt
ist also mit Sicherheit auch von J. Richter gefertigt worden.

Über diesen Fotografen ist einiges bekannt. Fritz Kempe schreibt über J. Richter im Kapitel "Die fotografische Frühzeit in Mecklenburg und Neu-Vorpommern (S. 173-178) in seinem Buch "Daguerreotypie in Deutschland, Vom Charme der frühen Fotografie". Diese Informationen bezieht Kempe jedoch ausschließlich aus Veröffentlichungen von Wolfgang Baier. In dessen von Kempe im Text angeführten Quellendarstellungen zur Geschichte der Fotografie wird J. Richter nicht erwähnt. Der eigentliche Referenzentext ist: Wolfgang Baier "Zur Frühgeschichte der Photographie in Stralsund und Greifswald" (in:Greifswald-Stralsunder Jahrbuch, Bd. 3, 1963, S. 179-202.)
Dort teilt Baier mit: "In Stralsund annoncierte der Photograph J. Richter zuerst am 10. Dezember 1850. Er kam, wie er selbst angab, aus Berlin, war 1849, vielleicht auch schon 1848 in Neustrelitz tätig und trat im Frühjahr 1850 in Neubrandenburg auf. Es ist wahrscheinlich, daß er nach seiner Ankunft im Dezember 1850 in Stralsund sich hier für die Dauer niederließ, denn im Dezember 1851 annonciert er wieder unter der Angabe der gleichen Adresse Heilgeiststraße 24. Seine erste Anzeige ist in mancher Hinsicht von Interesse: "Lichtbilder. Ein geehrtes Publikum, welches Interesse für Daguerreotypien nimmt und sie zu Weihnachtsgeschenken zu verwenden beabsichtigen, ersuche ich, Ihre Sitzungen, welche in der Tageszeit von 10 bis 2 Uhr auch bei trüber Witterung geschehen, bald zu veranlassen. Der Preis ist für ein Porträt im, Normal-Maßstab 1 1/2 Thaler und möchten solche Bilder als zartes Geschenk zu betrachten sein, abgesehen von der Dauer, welche nach chemischen Grundsätzen der der Ölbilder nicht nachsteht. Auf Verlangen werden sie auch ohne Preiserhöhung koloriert gemacht." ( (Strals. Zeitg., 10.12.1850, Nr. 288)

Richter war also zunächst als Wanderdaguerreotypist in Mecklenburg und Berlin unterwegs und dabei auf der Suche nach einer hinreichend großen "unbesetzten" Stadt, die ihm ein Auskommen dauerhaft sicherte und in der er sich niederlassen konnte. In Stralsund war er als erster und besetzt sogleich selbst dieses Einzugs- und Absatzgebiet. Baier berichtet von den Erinnerungen eines anderen Wanderdaguerreotypisten (aus: Photographische Chronik, 1912, S. 81) der vor dem gleichen Problem stand. Besagter Friedrich Wilde besichtigte als reisender Photograph „mehrere schlesische Städte; in Berlin wurde ihm Frankfurt/O. angeraten, wo ein bereits ansässiger Konkurrent ihm Stralsund empfahl. Doch traf er dort den schon ansässigen Photographen Richter, der ihm sagte, er sei nach 7 Monaten Tätigkeit soweit, daß er hoffe, bescheiden existieren zu können. Wilde wandte sich darauf wieder nach Frankfurt." (S. 187)

Baier schreibt weiter: "Richter hielt aus, und blieb in Stralsund, hörte nicht auf zu lernen und wandte sich 1853 auch der Papierphotographie zu sowie der Photographie aus Glasplatten. Im Juni 1852 verfügt er bereits über einen "Lichtsalon", den er sich in einem Eckhause der Baden- und Kleinschmiedstraße eingerichtet hatte (nach einer mehrfach wiederholten Anzeige vom 9. Juni 1852 in der "Strals.Ztg."). Die Papierphotographie begegnet uns in Stralsund erstmalig in der Anzeige Richters vom 4. November 1853 („Strals. Ztg.“, Nr. 258): "Mit dem heutigen Tag eröffne ich neben meinem Daguerreotyp-Geschäft ein Geschäft für photographische Bilder auf Glas und Papier. Da diese Bilder in neuester Zeit so große Vollkommenheit erreicht, so habe ich keine Mühe und Kosten gescheut, auch dem hiesigen und umwohnenden Publikum ebenfalls Gelegenheit zu geben hier solche Bilder zu erlangen, da es nur wenigen Personen möglich war, sich solcher Bilder in Berlin oder anderen großen Städten zu verschaffen. Die Sitzungszeit ist wie beim Daguerreotyp nur wenige Sekunden und zwar jetzt in der Tageszeit von 9 Uhr bis 3 Uhr im eigens dazu konstruierten Lichtsalon, welcher bei kühler Witterung geheizt ist." (S.188)

Baier schreibt weiter: „1855 erbietet sich Richter am 2. Dezember wieder: "Photographien sowohl auf Papier wie auf Silberplatten (Daguerreotypen), letztere bis zur kleinsten Medaillon-Größe täglich von 9 bis 2 Uhr im geheizten Glassalon anzufertigen." Von dieser Zeit ab verlieren die Daguerreotypien mehr und mehr an Boden. In Anzeigen werden sie nicht mehr erwähnt.“ (S. 188)

Zum Anschluss dieses Kapitel listet Baier alle Fotografen, die im 19. Jahrhundert in Stralsund tätig waren, sowie den Zeitraum ihrer nachgewiesenen Tätigkeit. In dieser Liste benennt Baier ohne Nachweis zum ersten Mal den vollen Vorname von J. Richter: "Julius Richter, 1850 - 1864" (S. 198). Wahrscheinlich wird sich der Beleg dazu finden lassen, wenn man erneut alle Anzeigen in der Stralsunder Zeitung in Augenschein nimmt.

Gelistet wird Julius Richter auch in: Wilhelm Dosts "Die Daguerreotypie in Berlin 1839 - 1860", Berlin 1922: "In diesem Jahr [1846] stellte sich als neuer Daguerreotypist J. Richter, Leipziger Straße 96 ein.." (S. 94) In der Liste auf S. 112 finden sich die auf Berlin bezogenen Informationen: früheste Feststellung im Dezember 1846, Adresse im Jahr 1850 ist die Leipziger Str. 96 und im Jahr 1853 die Wilhelmstraße 96, "danach nicht mehr".

Die Angaben von Dost widersprechen den Eintragungen in den Adressbüchern für Berlin. Dort wird der Daguerreotypist Richter nur zweimal im Jahr 1847 in der Leipziger Str. 96 und im Jahr 1850 in der Wilhelmstr. 96, jeweils ohne Nennung eines Vornamens, aufgeführt. Die Adressen und der zeitliche Abstand der beiden Nachweise von drei Jahren stimmen überein. Insofern handelt es
sich bei Dost wohl um einen Übertragungsfehler.

Ausschließlich im Jahr 1850 taucht in der fraglichen Zeit in den Berliner Adressbüchern der Nachname
Schiemann auf. Genannt wird die Witwe Schiemann, geb. Lindemann in der Splittgerbergasse 4. Die Splittgerbergasse existiert heute nicht mehr, sie war aber nur circa 1,5 Kilometer von der Wilhelmstraße 96 entfernt. Dieses Zusammentreffen bestätigt die Angaben auf der Rückseite des Portraits von Ottomar Schiemann. Diese Aufnahme wurde von Julius Richter 1850 in Berlin in der Wilhelmstraße 96 gefertigt. Das Portrait von Großvater Stoldt dagegen entstand einige Jahre später um 1858 in Stralsund im Lichtsalon des Eckhauses in der Baden- und Kleinschmiedstraße.

Zu den bisher veröffentlichten Informationen zu Julius Richter kann ich noch folgende hinzufügen: Julius Richter war, was Baier nur vermutet, mit Sicherheit ab 1851 in Stralsund ansässig. Er war Mitglied im Literarisch-geselligen Verein zu Stralsund, der im Turnus von zwei Jahren Berichte veröffentlichte. Darin wird Richter als einheimisches Mitglied seit 1851 gelistet, und die penibel geführte Mitgliederstatistik unterscheidet sehr genau zwischen einheimischen und auswärtigen Mitgliedern:

9. Bericht des literarisch-geselligen Vereins zu Stralsund über sein Bestehen während der Jahre 1852 und 1853, Stralsund, in der Löffler´schen Buchhandlung (C. Hingst), 1854
Gelistet in Abteilung 14, Mitglied seit 1851, Nr.166: Richter (J.), Photograph.

10. Bericht des literarisch-geselligen Vereins zu Stralsund über sein Bestehen während der Jahre 1854 und 1855, Stralsund, in der Löffler´schen Buchhandlung (C. Hingst), 1856
Gelistet in Abteilung 14, Mitglied seit 1851, Nr.145: Richter (J.), Photograph.

Im Allgemeinen Wohnungsanzeiger für Stralsund und die Vorstädte für das Jahr 1863, Stralsund, Sandhop, 1862, wird der Photograph Richter im St. Nicolai-Quartier Nr. 204 angeführt. Auch hier ohne Vornamen.

Julius Richter war bis zum 5. Mai 1869 Mitglied im Photographischen Verein zu Berlin. Hierzu der Bericht von Hermann Vogel in: Photographischer Mittheilungen, Zeitschrift des Vereins zur Förderung der Photographie, Dr. Hermann Vogel (Hrsg.), 6. Jg., Berlin, Verlag von Robert Oppenheim, 1870, S. 62-63: "In der Sitzung des Photographischen Vereins vom 7. Mai meldeten 49 Mitglieder ihren Austritt unter Abgabe der folgenden Erklärung an: Die Unterzeichneten erklären ihren Austritt aus dem Photographischen Verein zu Berlin, weil sie der Ueberzeugung sind, dass die derzeitigen herrschenden Streitigkeiten innerhalb des Vereins die Zwecke desselben nicht zu fördern im Stande sind und das Ende derselben nicht abzusehen sei. Berlin, den 5. Mai 1869."
Bei dem Streit handelte es sich wohl um die Frage des Beitritts von neuen auswärtigen Mitgliedern zum Photographischen Verein zu Berlin.
Einer der Unterzeichner der Austrittserklärung ist Julius Richter, ein weiter Dr. Hermann Vogel, der Herausgeber der Photographischen Mitteilungen und Lehrer der Photographie an der Königlichen Gewerbe-Akademie zu Berlin.

Sechs Tage später am 11. Mai 1869 erfolgt in Abgrenzung zum Photographischen Verein zu Berlin die konstituierende Sitzung des neuen Vereins zur Förderung der Photographie, der eine "wissenschaftliche Tendenz" haben soll. Man beschließt, der neue Verein soll die gleiche Satzung bekommen wie der alte, nur der Beitritt müsse neu geregelt werden. Bei dem Bericht von der Gründung des neuen Vereins wird Julius Richter nicht genannt.

Julius Richter hatte zwei Jahre lang in Stralsund den späteren Berliner Hofphotographen Adolf Halwas als Lehrling und Assistent. Dies folgt aus einer biographische Skizze zum 50-jährigen Berufsjubiläum des Berliner Photographen in: Photographische Chronik, Band 13, 1906, S. 175: "Bei dem Photographen Richter-Stralsund, in dessen Geschäft er am 3. April 1856 eintrat, lernte der Jubilar die Daguerreotypie und die damals sehr beliebte Panotypie kennen. Von April 1858 an war Halwas in Berlin tätig, (…)."

Richter kapselte sich also nicht in der kleinen Hansestadt Stralsund vom Rest der Welt ab. Er hielt engen Kontakt zur technischen Entwicklung und zu den Berufskollegen in der Hauptstadt."

(Aufsatz Heinz-Werner Lawo 2011)

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