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BESTANDSKATALOG PHOTOGRAPHIE
KUPFERTICHKABINETT DRESDEN

Mit Eröffnung der Ausstellung "KunstFotografie" des Dresdner Kupferstichkabinetts im Dezember 2010 ist auch der lang erwartete Bestandskatalog "der Fotografien von 1839 bis 1945" im Deutschen Kunstverlag erschienen. Herausgeberin Agnes Matthias konnte an ihrer Seite ein interdisziplinäres Team von Fachleuten versammeln, so dass zum breit gefächerten Dresdner Sammlungskomplex – teils unter ganz neuen Blickwinkeln – zahlreiche fundierte und mit Genuss lesbare Beiträge entstanden.
Seit 1915 trug Max Lehrs, Direktor des Dresdner Kupferstichkabinetts, nach dem Vorbild der von Wilhelm Weimar aufgebauten Hamburger Sammlung zahlreiche Daguerreotypien zusammen, die heute den fotogeschichtlich ältesten Bestand innerhalb der Fotosammlung bilden. Bisher waren diese Daguerreotypien nur sporadisch in Ausstellungskatalogen vertreten – eine Gesamtdarstellung stand aus. Max Lehrs hatte seinerzeit selbst einen ersten Beitrag verfasst, in dem er die Sammlungs- Konzeption, seine Sammelintentionen und einige Spitzenstücke vorstellte.
Das umfangreiche Buch beschäftigt sich natürlich auch mit den anderen, zahlenmäßig weit überlegenen Fotobeständen – uns interessieren aber naturgemäß vor allem die Daguerreotypien, die im Katalogteil des Buches (S. 136-319) erfasst sind.
Wer einen kommentierten Bestandskatalog erwartet hat, wird allerdings ein bisschen enttäuscht. Es wurden der Name des Daguerreotypisten (wenn bekannt), die Abmessungen, die Form des Passepartoutauschnittes, die Beschriftungen, die Art des Erwerbs, die Inventarnummer und Hinweise auf bereits erfolgte Ausstellungen bzw. Veröffentlichungen genannt. Letzteres erfolgt allerdings sehr unterschiedlich, manchmal fehlen diese Angaben ganz. Nicht alle Daguerreotypien sind abgebildet. Zahlreiche Stücke sind nur mit ihrer Inventarnummer aufgeführt, ohne Bild und ohne nähere Angaben. Hier darf man vielleicht auf eine spätere Publizierung hoffen?

Der Katalog ist alphabetisch geordnet, wodurch die Daguerreotypien nicht nacheinander, sondern eingestreut in die viel größere Zahl der Papierfotos zu finden sind. So wird der Überblick für den Daguerreotypie-Liebhaber etwas erschwert und wer wissen möchte, wie viele dieser Inkunabeln eigentlich in der Dresdner Sammlung vorhanden sind (die Angaben darüber schwanken in der Sekundärliteratur erheblich), müsste sich der Mühe unterziehen, Seite für Seite durchzublättern und nachzuzählen.

Sicherlich ist es sehr verdienstvoll, die Daguerreotypien durch ihre Katalogisierung der Forschung zugänglich zu machen, aber eine stärkere wissenschaftliche Hinterfütterung der einzelnenen Stücke hätte man sich schon gewünscht. Das war allerdings – dies betrifft auch die anderen Fotogattungen – nicht Anliegen der Herausgeber und nicht Bestandteil der Konzeption. Viele Abbildungen sind nur sehr klein, weshalb sie schlecht zu Vergleichs- oder Studienzwecken herangezogen werden können - man erkennt keine Details auf ihnen. Atelier-Etiketten oder aufgedruckte Bezeichnungen werden leider nicht vorgestellt. Positiv muss man herausheben, dass die Daguerreotypien komplett, d.h. mit Rahmen, Passepartout und gelegentlich sogar Aufhängering abgebildet sind! Dies kommt einer (unbedingt notwendigen) ganzheitlichen Betrachtung des Objektes "Daguerreotypie" sehr entgegen.

In seinem Aufsatz bemerkt Hans-Ulrich Lehmann, langjähiger Oberkustos am Kupferstichkabinett, über die Arbeiten des Hamburger Daguerreotypisten Hermann Biow: "Die zwei im Kupferstich-Kabinett bewahrten Daguerreotypien sind, wie Max Lehrs schreibt, in Dresden entstanden, obwohl Biow seine Hamburger Adressetiketten benutzte" (S. 37).
Der Katalogteil listet aber DREI Daguerreotypien von Biow auf (Nr. 116-118). Die vorgeschlagenen Datierungen der beiden "in Dresden entstandenen" Daguerreotypien sind erheblich zu weit gefasst, denn Biow daguerreotypierte nur in der zweiten Jahreshälfte 1849 in Dresden und verstarb schwer erkrankt schon im Februar 1850. Der Katalog schlägt als Zeitraum die Jahre zwischen 1841 und 1850 bzw. 1843 und 1849 vor. Im Übrigen lässt sich erkennen, dass die junge Frau auf beiden Daguerreotypien die selbe ist und auch das selbe Kleid trägt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit entstanden die beiden Aufnahmen in zeitlicher Nähe zueinander.
Die Verunsicherung setzt sich fort, wenn man den Titel der dritten Biow-Daguerreotypie (Nr. 118) liest: "Die Brüder Paul Alfred und Otto Stübel als Kinder, ca. 1847-1850". Man erfährt, dass es sich bei Paul Alfred Stübel um den späteren Dresdner Oberbürgermeister handelt, der 1827 geboren wurde. Zum (von den Autoren vorgeschlagenen) Zeitpunkt der Aufnahme muss er also zwischen 20 und 23 Jahre alt gewesen sein. Aber er ist laut Katalogtext "als Kind" abgebildet.
Der Leser kann das nicht prüfen, denn leider gibt es von diesem Stück keine Abbildung.

Greifen wir uns dafür eine der reizvollsten Darstellungen heraus, das Bildnis der kleinen Fanny von Mangoldt (Nr. 1158), aufgenommen um 1843 von Eduard Wehnert in Leipzig. Dieses Silberbild fällt nicht nur durch seine Kolorierung auf, sondern auch durch das ausdrucksstarke Bildnis an sich. Dieser wichtige Beleg sächsischer Fotografie-Frühgeschichte war bereits in der verdienstvollen Publikation "Daguerreotypie in Deutschland" von Fritz Kempe (1979, S. 205) und auch in dem Band "Der gefrorene Augenblick. Daguerreotypie in Sachsen 1839-1860" (2004, S. 100) abgebildet und in der dortigen Beschreibung des Wehnert-Beckmannschen Lebenswerkes näher besprochen worden. Davon erfährt der Katalognutzer allerdings nichts, für ihn muss es so scheinen, als würde die Aufnahme zum ersten Mal publiziert.
Bei der Zitierung des rückseitigen Atelier-Etiketts wurde etwas frei umgegangen, denn statt "Daguérreotypyst" liest man "Daguerreotypist", statt "Jänichen's Caffeegarten" liest man "Jähnichen's Caffeegarten".
Erstaunt nimmt man außerdem zur Kenntnis, dass die Katalogbeschreibung einen ovalen Bildausschnitt konstatiert, obwohl es sich um einen achteckigen handelt.

Wer sich mit dem in Deutschland publizierten Daguerreotypie-Bestand der Frühzeit beschäftigt, wird mit großer Freude die drei Daguerreotypien des Berliner Kunsthändlers und Daguerreotypisten der ersten Stunde Louis Friedrich Sachse zur Kenntnis nehmen, die unter Nr. 1030 bis 1032 erstmals veröffentlicht werden. In keinem Buch zur Frühgeschichte der Fotografie in Deutschland sind diese Inkunabeln m. W. bisher abgebildet. Zwar wurden sie 1982 in der Dresdner Ausstellung "Photographien aus zehn Ländern in Dresdner Sammlungen" gezeigt, nicht aber in den (erst 1983) erschienenen Auswahlkatalog aufgenommen. Vermutlich erkannte man damals noch nicht die Bedeutung der Stücke. Louis Friedrich Sachse erhielt als erster Deutscher einen Daguerreschen Apparat aus Paris, und nur durch Beschädigung der Sendung gelang es ihm nicht, auch als erster eine Daguerreotypie in Deutschland zu fertigen. Sachse, über dessen Leben und Wirken Anette Schlagenhauff eine umfassende Biographie veröffentlichte, gehört zu den Schlüsselfiguren der frühen Fotografie.
Nun hätte man sich natürlich nichts sehnlicher gewünscht, als diese sensationellen Daguerreotypien näher untersucht zu sehen. Der vorgeschlagene Entstehungszeitraum "1839-ca. 1845" ist deutlich zu weit gefasst. Das von den Katalogautoren gemessene Plattenformat von 88 x 88 Millimetern ist sehr ungewöhnlich, denn es passt weder zur Daguerreschen Kamera aus Paris, die 1839 eintraf, noch zur Voigtländer-Kamera, die sich Sachse 1841 aus Wien mitgebracht hat. Man fühlt sich ein wenig an die ersten Versuche der Gebrüder Enzmann in Dresden erinnert, die im Oktober 1839 selbst konstruierte Apparate mit quadratischen (!) Daguerreotypieplatten anboten.
Eines der beiden quadratischen "Lichtbilder" zeigt laut Katalog die "Zweite Grabfigur der Königin Luise in der Friedrichswerderschen Kirche in Berlin von Christian Daniel Rauch". Das ist nicht richtig, denn selbstverständlich wurde die Daguerreotypie nicht in der Friedrichswerderschen Kirche aufgenommen, sondern im Antikentempel in Sanssouci. Der Berliner Bildhauer Rauch hatte 1815 den Kenotaph der früh verstorbenen Königin Luise vollendet, der in ihrem Mausoleum im Schlosspark von Charlottenburg aufgestellt wurde, wo er sich noch heute befindet. Rauch schuf im Auftrag des preußischen Königs eine zweite Fassung der aufgebahrt dargestellten Königin, die am 19. Juli 1828 im Antikentempel des Parks von Sanssouci enthüllt wurde. Kaiser Wilhelm II. verfügte 1904 eine Umlagerung dieses Kenotaphs in das neu errichtete Hohenzollern-Museum im Schloss Monbijou. In DDR-Zeiten ließ die Staatsführung die von Schinkel erbaute Friedrichswerdersche Kirche rekonstruieren, restaurieren und in ein Museum umwandeln. Erst in diesem Zusammenhang wurde die Rauchsche Zweitfassung dort in den 1980er Jahren aufgestellt.
Bei einem Vergleich zwischen dem Kenotaph und der Daguerreotypie fällt übrigens auf, dass die Aufnahme seitenverkehrt ist! Sachse hat also keinen Umkehrspiegel und kein Umkehrprisma verwendet.

Wir wissen heute, dass Sachse im Jahr 1840 seine ersten (wenigen) Porträtaufnahmen gefertigt hat. Aber erst im September 1841, nachdem er sich eine Voigtländerkamera in Wien besorgt und damit die Belichtungszeit in einen vertretbaren Bereich drücken konnte, durfte er an das gewerbsmäßige Porträtieren denken und brachte entsprechende Hinweise (Etiketten) auf seinen Daguerreotypien an. Da auf den beiden Dresdner Aufnahmen auf Sachses "DAGUERRÉOTYPE PORTRAITS" hingewiesen wird, können die Aufnahmen nicht vor Herbst 1841 entstanden sein. Bekannt wurde auch, dass Sachse aus gesundheitlichen Gründen die Daguerreotypie Mitte 1843 wieder aufgab. Somit dürfte der Entstehungszeitraum der beiden Arbeiten durch die genannten Eckdaten deutlich enger eingrenzbar sein.
Nun gibt es noch eine dritte Daguerreotypie im Kupferstichkabinett, die man Sachse zugeschrieben hat. Allerdings trägt dieses Stück mit achteckigem Bildausschnitt kein Etikett und keine Inschrift und müsste laut Autoren zwischen ca. 1847 und 1850 entstanden sein, was mit der Entstehungsgeschichte des abgelichteten Kenotaphs der Königin Friederike von Hannover zusammenhängt. In dieser Zeit hat der Berliner Kunsthändler Sachse aber definitiv
keine Daguerreotypien mehr gefertigt.

Eine wunderbare Gruppe von vier Jungen (Daguerreotypie Nr. 1160) wird von den Katalogautoren für Bertha Wehnert-Beckmann UND Eduard Wehnert in Anspruch genommen und "um 1848" datiert. Das passt nicht zusammen, denn Eduard Wehnert starb bereits im August 1847.
Obwohl die Daguerreotypie bereits im Katalog "Silber und Salz", im Kölner Museums-Bulletin 2-3/1993 (Kunst aus Leipzig) und auch im Buch "Der gefrorene Augenblick" publiziert ist, wird dies nicht erwähnt. Dass es sich um Jungen und nicht um "Männer", wie im Dresdner Katalog betitelt, handelt, lässt sich im direkten Vergleich übrigens gut erkennen.

Ein Damenbildnis (Nr. 1156) aus dem Leipziger Studio Wehnert-Beckmann wird Eduard Wehnert zugewiesen und die Entstehung der Aufnahme zwischen 1842 und 1847 vermutet. Wer sich mit dem Erscheinungsbild europäischer Dagurreotypie-Fassungen beschäftigt wird wissen, dass geschwärzte Glasabdeckungen in Kombination mit bronzierten Papprahmen ihre Blütezeit in den 1850er Jahren hatten. In der Publikation "Der gefrorene Augenblick" wurde deutlich gemacht, dass Bertha Wehnert-Beckmann auch nach dem Tode ihres Mannes (1847) Etiketten mit gemeinsamer Firmierung und die markante Tischdecke mit dem gestickten Namenszug "Eduard Wehnert" weiter verwendete. Die Daguerreotypie aus dem Kupferstichkabinett gehört mit Sicherheit erst in die Zeit nach Wehnerts Tod.
Da im Katalogteil des Buches gnerell keine Besprechung der vorgestellten Objekte erfolgt, konnte diese Daguerreotypie auch keine besondere Hervorhebung erfahren, obwohl es sich um die mit Abstand größte Daguerreotypie des Kupferstichkabinetts handelt, eine so genannte "Ganze Platte".
Ganze Platten (216 x 162 mm) sind extrem selten erhalten. Es gibt nach jetzigem Forschungsstand nur noch eine zweite von Bertha Wehnert-Beckmann, die sich erhalten hat. Sie befindet sich im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig.

Auch die Daguerreotypie Nr. 1157 wird fälschlich Eduard Wehnert zugeschrieben, wahrscheinlich ebenfalls wegen der verwendeten Tischdecke (ein Fotografenetikett befindet sich jedenfalls nicht an der Daguerreotypie). Auch hier verweist die Fassung eindeutig auf die spätere Zeit und vor allem der markante Stuhl des mittleren Mannes gehört erst in die Atelierphase der fünfziger Jahre. Die vorgeschlagene Datierung 1842-1847 ist vollkommen ausgeschlossen.
Vielleicht hätte man an dieser Stelle darauf verweisen sollen, dass die markante schwarze Glasscheibe dieser Daguerreotypie zerbrochen und durch ein einfaches, unbedrucktes Papierpassepartout ersetzt wurde. Das gleiche Symptom trifft auch auf Nr. 585 zu, eine Daguerreotypie des bekannten Bremer Daguerreotypisten L. C. Herzog.

Mit genaueren Kenntnissen über europäische Fassungen wäre es sicherlich zu vermeiden gewesen, für die Bildnis-Daguerreotypien Nr. 1400 und 1407 als möglichen Fertigungszeitraum die Jahre 1840 (!) bis 1860 anzugeben. Porträtdaguerreotypien aus dem Jahr 1840 würden einer Sensation gleichkommen, denn davon existieren weltweit nur wenige Stücke. Beide Daguerreotypien stammen vielmehr aus den 1850er Jahren, also leider keine Sensation im genannten Sinne, wenn auch ohne Zweifel sehr schöne Stücke.

Dass die photographische Tätigkeit des amerikanischen Daguerreotypisten Marcus Aurelius Root im Jahr 1856 endete, weil er einen schweren Eisenbahnunfall mit bleibender Behinderung erlitt und die nächsten Jahre sein Haus nicht verlies, ist bekannt. Deshalb ist die Datierung der Stereodaguerreotypie Nr. 1003 zu weit gefasst, wenn sie von "1853-1864" ausgeht.





Während für die Schwendler-Daguerreotypie Nr. 1072 – ein Damenbildnis vor der Stadtsilhouette Dresdens – vermerkt ist, dass sie im Buch "Der gefrorene Augenblick" publiziert wurde, fehlt dieser Hinweis für Nr. 1071, den Offizier mit Begleiterin – trotz dass diese Aufnahme im genannten Buch zum ersten Mal in die Literatur eingeführt wurde.

Obwohl Friedrich August Schwendler der früheste in Dresden ansässige Daguerreotypist gewesen und damit für die Frühgeschichte der Stadt äußerst wichtig erscheint, verschweigt die Kurzbiographie im Anhang des Buches, dass er bereits in den frühen 40er Jahren als Berufsdaguerreotypist auf der Klostergasse 8 nachweisbar ist. Die Daguerreotypie Nr. 1071, also der bereits genannte Offizier, trägt rückseitig ein Atelieretikett Schwendlers aus dem Jahr 1844 (!) mit der Angabe "Klostergasse 8".
Die Dresdner Bearbeiter konnten die rückseitige Inschrift der Daguerreotypie nicht vervollständigen: "Aus dem Nachlass von Geh. Oberbaurat Otto Wa(...)".
Der Rezensent darf an dieser Stelle ergänzen, denn er hat sich bereits 2003 ausgiebig mit einigen Daguerreotypien des Kupferstichkabinetts beschäftigt. Es muss Otto Wanckel heißen! Otto Wanckel (1820-1912) war ein bekannter Dresdner Architekt, von dem unter anderem der riesenhafte Bau auf der Neustädter Seite stammt, in dem sich heute das Sächsische Staatsministerium für Finanzen befindet. In Wanckels Nachlass befanden sich viele Daguerreotypien, von denen einige auch in die Sammlung des Rezensenten gelangten.

Eine Ergänzung sei auch für die Passepartoutinschrift einer Daguerreotypie des amerikanischen Fotografen John J. Outley erlaubt. Im Katalog heißt sie: "J. J. OUTLEY / ABIT (...)" . Richtig muss es heißen: "J. J. OUTLEY / ARTIST". Der Schriftzug läuft ein bischen unter den Preserver der Daguerreotypie, ist aber für den Eingeweihten eigentlich gut zu erkennen. Mit dieser Bezeichnung wird übrigens ein Schlaglicht auf das Selbstverständnis vieler Daguerreotypisten geworfen.

Die Autoren bilden auch eine Stereodaguerreotypie von Philipp Graff ab, dem großen Berliner Fotopionier. Dargestellt ist der Onkel von Max Lehrs im Kreise von Freunden. Die vorgeschlagene Datierung "um 1860" kann nicht stimmen, starb doch Graff im Jahr 1851.
Warum eine von Wilhelm Weimar an das Dresdner Kupferstichkabinett geschenkte Daguerreotypie "Frau mit Haube" zeitlich zwischen 1846 und 1872 eingeordnet wird, ist nicht recht zu erkennen. Der bereits in der Mitte der 1840-er Jahre mit Talbotypien aufgetretene Schauspieler Breuning, ein Pionier der Papierfotografie in Deutschland, starb im Jahr 1872. Sollte das Sterbejahr den Ausschlag für die zeitliche Einordnung gegeben haben?

Abschließend sei noch ein kurzer Hinweis zum "Glossar fotografischer Verfahren und Techniken" gestattet: Die Beschreibung zur Technik der Daguerreotypie enthält leider einen schwerwiegenden Fehler. Die Fixierung einer Daguerreotypie nach dem Entwickeln mit Quecksilberdampf erfolgt NICHT mit Wasser und Alkohol, sondern mit Hilfe einer Kochsalzlösung bzw. besser mit einer Lösung von Natriumthiosulfat.

Es ist ein Trugschluss zu meinen, Kopfhalter wären in der Frühzeit notwendig gewesen, um den zu Porträtierenden 15 bis 30 Minuten lang zu fixieren. Niemand saß 30 Minuten lang vor der Kamera, außer den wenigen "Versuchskaninchen" in den ersten Tagen der Daguerreotypie. Vielmehr gelang es bereits 1840, die Belichtungszeit auf unter eine Minute zu senken. Dadurch wurde überhaupt erst das Porträtieren als Erwerbszweig möglich. Aber auch schon bei wenigen Sekunden Belichtungszeit ist jegliches Wackeln zu vermeiden, weshalb man die genannten Kopfhalter eingeführt hat. Sie waren in Fotostudios bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu finden.

Insgesamt darf man sich über ein schön gestaltetes und mit bemerkenswerten Aufnahmen ausgestattetes Buch freuen, das mit Softcover, aber auch mit gediegenem Festeinband erhältlich ist. Den Dresdnern kann man nur zu diesem hervorragenden Bestand des Kupferstichkabinetts gratulieren!

Alle Abbildungen stammen aus dem besprochenen Band "KunstFotografie"
 


   
   
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