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Bonaparte erhält Zuwachs –
Interessantes Angebot bei Westlicht in Wien

7800 Euro (incl. Aufgeld) erzielte eine kleine Daguerreotypie (Hälfte einer Stereodaguerreotypie) mit dem Bildnis Napoleons III. zur 8. Fotoauktion von WESTLICHT in Wien (24. Mai 2013), die ursprünglich wohl aus einer (unbekannten) Sammlung stammte. Zumindest lassen die aufgeklebten Beschriftungen darauf schließen.
Die kolorierte Daguerreotypie wurde von Westlicht dem Pariser Studio von Mayer & Pierson zugeschrieben. Dem Auktionshaus entging wohl eine zweite Platte in den Technischen Sammlungen in Dresden, wobei vielleicht sogar davon auszugehen ist, dass es sich um die andere Hälfte des auseinandergerissenen Stereopaares handelt.
Auch das Dresdner Exemplar erhielt eine Zweitfassung und stammt ursprünglich aus einer privaten Sammlung. Wir lassen hier den Katalogtext folgen, mit der wir 2004 das Dresdner Exemplar beschrieben haben:

"Atelier Mayer & Pierson, Paris oder unbekannter Kopist
Porträt Napoleons III. (1808–1873) in der Uniform
eines Brigadegenerals
Paris, 1858 oder etwas später
1/6-Platte, 6,5 x 5,6 cm, gesamt 12,5 x 10 cm
stark koloriert
Selbstgemaltes Passepartout aus Papier mit schwarzen und goldfarbenen Linien, aufgeklebte Borte aus geprägtem und vergoldetem Papier
Inventarnummer: D.78
Erwerb aus Sammlung Alfred Jäschke
Literatur: unveröffentlicht

Die Dresdner Daguerreotypie erweist sich als spiegelbildliche Wiedergabe einer Daguerreotypie mit dem Bildnis Napoleons III., die sich heute im Musée Nicéphore Niépce in Chalon-Sur-Saône (Frankreich) befindet. Die Pose des Porträtierten und der gemalte Hintergrund stimmen vollkommen überein. Leider besitzt auch diese Platte kein Photographenlabel, doch existiert im gleichen Museum eine Stereophotographie auf Papier, die ein drittes Mal exakt dieses Motiv wiederholt. Sie stammt aus dem in Paris auf dem Boulevard des Capucines etablierten Atelier von Louis Pierson (1822–1913) und Leopold Ernest Mayer (1817–1865) und wurde am 20. April 1858 aufgenommen. Somit stehen die Urheber der Aufnahme und auch das Aufnahmedatum zweifelsfrei fest. Mayer und Pierson gehörten zu den prominentesten Lichtbildkünstlern in Paris, sie waren „Photographes de Sa Majesté l’Empereur des Français“. "
(zitiert nach: Jochen Voigt unter Mitarbeit von Christoph Kaufmann, Eberhard Patzig, Roland Schwarz und Frank Weiß: Der gefrorene Augenblick. Daguerreotypie in Sachsen 1839-1960, S. 209)

Die Dresdner Platte stammt aus der Kollektion des Görlitzer Sammlers Alfred Jäschke, der sie 1964 gemeinsam mit weiteren Daguerreotypien an Walther Hahn, den Begründer eines privaten Fotomuseums in Dresden, verkaufte. Roland Schwarz gibt in der gleichen Publikation einen Einblick in die Sammlerpersönlichkeit Jäschkes:

" ... zusammen mit den Bildern gelangten einige Dokumente in das Museum, aus denen hervorgeht, daß Jäschke ein leidenschaftlicher Sammler von Zeugnissen aus der Frühzeit der Photographie gewesen ist und die in Dresden erhaltenen Daguerreotypien wohl nur den Bruchteil seiner Sammlung ausmachen. Die meisten Dokumente stammen aus den Jahren 1922 und 1923. Es sind vor allem Korrespondenzen des Görlitzer Photographen Alfred Jäschke mit Berufskollegen im italienischen Trento, in Berlin und Chicago, Tokio und Stockholm sowie zahlreiche nicht adressierte Musterbriefe, auf deren Köpfen Jäschkes Atelier auch den „An- und Verkauf von Daguerreotypien (Spiegelbilder)“ als eine seiner Spezialitäten anpreist. Das Anliegen der Briefe ist immer dasselbe. Jäschke bietet für 8 bis 15 englische Shilling pro Stück Daguerreotypien aus seiner Sammlung und daneben nach einer historischen Lithographie in Öl angefertigte Porträtbilder von Daguerre zum Verkauf an. Im Entwurf für ein Schreiben an den Photographen Eduard Blum in Chicago vom Juli 1922 begründet Jäschke sein Angebot: „Seit längerer Zeit befasse ich mich mit der Sammlung von Daguerreotypien aus der ersten Epoche der Photographie und habe dadurch eine ansehnliche Sammlung zusammengebracht. Um nun bei den heutigen Photographen den Sinn und die Achtung unserer Vergangenheit festzuhalten und aus historischem Interesse für unseren Beruf, so bin ich gern bereit, Interessenten etliche davon käuflich zu überlassen, denn jeder Photograph sollte trotz der allgemeinen Gleichgültigkeit auch ein Bildchen in seinem Empfangszimmer aufhängen, welches immer seinen Wert besitzen wird. Die meisten Bilder dieser Art verfallen leider der Zerstörung durch unwissende Hände, die den Wert derselben nicht zu schätzen wissen u. werden diese daher von Tag zu Tag seltener. (…) Nun möchte ich Sie, verehrter Herr Blum, höflichst bitten um Angabe von Adressen amerikanischer Photographen, denen ich nach Ihrer Meinung Offerten dieser Art zusenden könnte.“
Während Alfred Jäschke einen Teil seiner Sammlung gegen Devisen veräußerte, signalisierte er weiterhin in Fachblättern sein Interesse am Kauf historischer Photographien. Wie stark die von der Not der Inflationsjahre diktierten Verkäufe Jäschkes Sammlung dezimiert haben, geht aus den wenigen erhaltenen Papieren nicht hervor. Auf einer Photographie aus dieser Zeit, die den Empfangsraum in seinem Atelier zeigt, lassen sich immerhin einige Daguerreotypien ausmachen, die vierzig Jahre später an das junge Museum in Dresden übergeben worden sind." (a.a.O. S. 166.)

Die relativ schwache Detailzeichnung und leichte Unschärfe beider Daguerreotypien deuten unseres Erachtens nach darauf hin, dass es sich bei den Stereodaguerreotypien (wir gehen inzwischen davon aus, dass von diesem erfolgreichen Motiv weitere gefertigt wurden) um daguerresche Reproduktionen einer "Mutter"-Stereodaguerreotypie handelt. Sicherlich war es den Fotografen ein Anliegen, das verkaufsträchtige Motiv mehrfach zu veräußern. Wie man am hohen Erlös in Wien sehen kann, ist der Reiz dieser Aufnahme wohl noch immer nicht verflogen.

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