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GLASZERFALL BEI DAGUERREOTYPIEN

Jeder mit der Materie Vertraute kennt das Erscheinungsbild: kleine Tröpfchen haben sich auf der Innenseite des Schutzglases abgesetzt und bilden allein oder gemeinsam mit Schmutzpartikeln einen milchigen, nebligen Schleier über dem Bild.
Manchmal sind die Tröpfchen winzigst klein - dann fühlt man sich an niedergeschlagenen Wasserdampf erinnert. Manchmal sind die Tröpfchen größer und hängen wie winzige Perlen am Glas. Dann wirken sie fast wie Öltropfen. Der Fachmann spricht vom "Weinen" der Gläser.
In jedem Fall haben wir es mit der Glaskrankheit zu tun. Ihre Ursache liegt im zu hohen Alkaligehalt der Gläser begründet, den der damalige Glasmacher verursacht hat. Um Glas besser bearbeitbar, also weicher, zu machen, erhöhten die Glasmacher nicht selten das Mischungsverhältnis zwischen Kieselsäure (Quarzsand) und Alkalien (Natron, Kali) zugunsten der letzteren.
Man kennt die Glaskrankheit vor allem von kunsthandwerklichen Gegenständen, z.B. Trinkgläsern und anderen Arbeiten des Barock, aber auch von mittelalterlichen Kirchenfenstern usw.
Es ist heute bekannt, dass Essigsäure und Formaldehyd das Voranschreiten der Glaskrankheit begünstigen. Glasvitrinen, die mit essigvernetzendem Silikon verklebt sind oder Schränke, die aus Spanplatten bestehen, sollten deshalb nicht der Daueraufbewahrung von Daguerrreotypien dienen.
Obwohl alle Komponenten einer Daguerreotypie (und damit auch das Deckglas) in der Summe das "Original" ausmachen, bleibt angesichts der Gefährlichkeit des Glaszerfalls nur das Wechseln der Scheibe übrig. Erstens ist der Bildeindruck nachhaltig gestört und zweitens (was schwerer wiegt) drohen die Alkalitröpfchen die eigentlich Daguerreotypie zu beschädigen. Berühren die Tropfen das Bild und wirken längere Zeit darauf ein, kommt es zu irreversiblen Schäden. Eigenartige, verästelte oder fleckenförmige matte Stellen (engl. mold spiders) sind das Ergebnis.
In zahlreichen (auch renommierten) Sammlungen schlummern Daguerreotypien mit fortgeschrittener Glaskrankheit vor sich hin, das "böse Erwachen" ist unausweichlich.
Unser "Patient" hatte Glück, denn der Abstand zwischen Bildplatte und Glas war durch ein starkes Passepartout noch groß genug, um die Tropfen fern zu halten. Größere Platten, vor allem europäischer Herkunft, mit sehr dünnen Papierpassepartouts sind noch stärker gefährdet, hier berühren sich nicht selten die Plattenmitte und das Glas.
Wichtig bei der Öffnung der Daguerreotypie ist das zerstörungsfreie Anlösen des Siegelpapiers. Die Beseitigung eines Schadens soll nicht mit einem neuen Schaden erkauft werden. In vielen Fällen kann die originale Versiegelung wiederbenutzt werden. Allerdings erfordert dies Fingerspitzengefühl und sehr viel Erfahrung. Man sollte immer daran denken, dass EINE falsche Bewegung das Metallpassepartout verschieben und dabei Kratzer auf der empfindlichen Oberfläche hinterlassen kann.
Ersatzglas sollte wenige Eisenanteile besitzen, wodurch es weiß und nicht grünlich wirkt (selektiertes weißes Floatglas). Am besten, aber teuersten, ist das so genannte Borosilikat-Glas (spezielles Laborglas, auch als "Jenaer Glas" bekannt), das einen sehr geringen Alkaligehalt aufweist.

  oben: Bildnis eines älteren Herrn, Daguerreotypie von J. Brill (204 Chatham Square New York, um 1855) in Privatbesitz, Dresden.
Die aus dem Etui genommene Platte besitzt noch ihre ursprüngliche Verklebung und eine (unten rechts) ausgebrochene Scheibe. Originale Verglasungen mit Schnittfehlern kommen häufig vor.

darunter: Rückseite der Daguerreotypie mit originaler Verklebung.

darunter: Daguerreotypie nach dem Wechseln der von der Glaskrankheit befallenen Scheibe. Wie durch ein Wunder hat die Bildplatte keinen Schaden genommen.

links: Detailansicht. Neben Schmutzpartikeln haben sich feine Tröpfchen abgesetzt, die zur Verätzung der Scheibe führten.


   
   
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