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1841 - DAS ERSTE PORTRÄTSTUDIO IN EUROPA

Der englische Kohlengroßhändler Richard Beard erkannte mit geschäftsmännischem Spürsinn die Möglichkeiten der Daguerreotypie und eröffnete am 23. März 1841 auf dem Dach des Londoner Polytechnikums das erste fest installierte Porträtatelier auf europäischem Boden. Da Beard nicht selbst photographierte, übernahmen diese Arbeiten zwei so genannte Operateure für ihn: J. T. Cooper und John Frederick Goddard. Zeitweilig arbeitete auch der Kupferstecher Francis S. Beattie 1841 in diesem Atelier mit.

Die Frühgeschichte des Beard-Studios ist reichlich verwirrend. Richard Beard traf 1840 den aus den USA stammenden, in England weilenden William S. Johnson, der mit einer neuartigen Kamera des amerikanischen Feinmechanikers Alexander Wolcott im Gepäck angereist war. Wolcotts Kamera unterschied sich vollkommen von der durch
Daguerre und Giroux vertrieben Kamera, denn sie besaß kein Objektiv. Dafür arbeitete sie mit einem Hohlspiegel und war deshalb wesentlich lichtstärker als ihr Gegenstück aus Paris. Aber es ließen sich nur kleine Platten belichten, die dem neuntel Format entsprachen. Das störte Beard überhaupt nicht, vielmehr versprach er sich von der "porträtfähigen" Kamera ein gutes Geschäft. Wolcott hatte seinen Apparat am 8. Mai 1840 in den USA patentieren lassen. Jetzt kaufte Beard über Johnson ein solches Patent für England. In einer ersten Rate kostete ihn dies 200 Pfund, bevor er dann ein Jahr nach Patentvergabe weitere 7000 Pfund berappen musste.
Das sollte Beard bald bereuen, denn 1843 wurden die Wolcott-Kameras bereits außer Dienst gestellt oder zumindest nur noch gelegentlich verwendet. Ursache für Beards Misere ist in der Erfindung des Petzval-Objektives zu sehen, das eine viel höhere Lichtstärke besaß als frühere Objektive. Damit konnten nun auch große Platten mühelos belichtet und somit auch große Porträts geschaffen werden. Der Londoner Daguerreotypist Claudet, ärgster Widersacher von Beard, war 1843 nach Paris gereist und hatte von dort die neue Linsentechnik mit nach England gebracht. Als er verkündete, fortan große Bildnisse herstellen zu können, strömten die Menschen vor allem zu ihm und nicht mehr so sehr zu Beard. Claudets Aufnahmen waren jetzt auch wesentlich schärfer als vorher. Aus diesem Grund blieb Beard nichts anderes übrig, als ebenfalls diese Technik zu verwenden und mit Claudet gleichzuziehen.

Nachdem Beard mit der Wolcott-Kamera zu arbeiten begonnen hatte, wurde Daguerre in Paris hellhörig. Er hatte nämlich (noch vor Bekanntgabe seiner Erfindung) ein Patent nach England verkauft, so dass nach dem legendären 19. August 1839 zwar überall auf der Welt daguerreotypiert werden konnte, nur nicht in England, Wales, in Berwick-upon-Tweed sowie in den englischen Kronkolonien. Der Zivilingenieur Miles Berry hatte das Patent bei Daguerre käuflich erworben und jeder, der in den genannten Territorien daguerreotypieren wollte, musste eine Lizenz bei ihm kaufen. Beard hatte ohne Lizenz begonnen, weil er meinte, mit der Wolcott-Kamera nicht mehr unter diese Regelung zu fallen. Miles Berry sah das ganz anders und bedrängte Beard, der seinerseits nachgab und schließlich 800 Pfund zahlte. Damit war Beard alleiniger Patentinhaber in England, Wales und den Kolonien geworden. Beard verkaufte nun seinerseits Lizenzen an Interessierte weiter. Obwohl er mit diesem Schachzug reichlich Geld verdiente, ging er Ende der 1840er Jahre bankrott.

  oben: Bildnis eines älteren Herrn, Daguerreotypie mit koloriertem Hintergrund aus dem Beard-Studio in London, datiert 1846. 1/4-Platte im originalen Etui. Der Mann sitzt an einem kleinen Tisch, welcher von anderen Aufnahmen aus dem Atelier im Londoner Polytechnikum bekannt ist.
(Sammlung May und Jochen Voigt, Chemnitz). Diese Plattengrößen konnte Beard nicht mehr mit der links abgebildeten Wolcott-Kamera herstellen, sondern er benutzte dafür eine neue Kamera mit Petzval-Objektiv.

mittig: Zugehöriges Etui (rechte Hälfte) mit eingeklebtem Firmenetikett. Tintensignatur "Rich Beard". Die Signatur wird sichtbar, wenn man die Platte aus dem Etui nimmt.

links: Kamera des New Yorker Feinmechanikers Alexander Wolcott.


   
   
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