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NEUERSCHEINUNG

René Perret
"Kunst und Magie der Daguerreotypie"
Collection W. + T. Bosshard
BEA + Poly-Verlags AG, Brugg 2006
248 Seiten, 23 x 29 cm,
230 Abbildungen durchweg in Farbe,
in Leinen gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 3-905177-52-8


Um es vorweg zu nehmen: Das Buch zur Ausstellung "Lichtspuren - Daguerreotypien aus Schweizer Sammlungen 1840 bis 1860" in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur überrascht wegen seiner inhaltlichen Fülle. Mit wundervollen Beispielen daguerrescher Kunst bereichert das Schweizer Sammlerehepaar Bosshard unser Wissen um die Frühzeit der Photographie. René Perret, der mit der Publikation "Frappante Aehnlichkeit" bereits 1991 einen Teil der Bosshardschen Sammlung vorgestellt hatte (der Schwerpunkt lag damals auf dem schweizerischen Beitrag zur frühen Lichtbildkunst), widmet sich diesmal sehr ausführlich dem internationalen Teil der Collection. Aber auch jetzt wartet das fulminante Buch mit einigen Beispielen der Schweizer Photographiegeschichte auf, bindet sie ein in die weltweite Entwicklung. Die aufwändige Reproduktion der Daguerreotypien (der störende Spiegeleffekt erfordert das ganze Können des Photographen) hat sich gelohnt, denn auch die Druckqualität ihrerseits ist außerordentlich gut. Fast alle Daguerreotypien sind vergrößert dargestellt, so dass Feinheiten der Darstellung bzw. der Licht- und Schattenverteilung exellent zur Geltung kommen. Allerdings muss man sich immer die zugehörigen Abmessungen des Originals vergegenwärtigen, um nicht dem Irrtum zu verfallen, die abgebildeten Motive hätten diese gewaltige Größe.
Mit Recht darf man der Bosshardschen Sammlung internationalen Rang bescheinigen, denn die Qualität der zusammen getragenen Stücke ist außerordentlich hoch und viele der per Belegstück vertretenen Daguerreotypisten sind Legenden der internationalen Photographiegeschichte.
Den einleitenden Texten zu Erfindung und Technik der Daguerreotypie (illustriert u.a. mit frühen Papierphotographien, die Photographen mit ihren Kameras zeigen) folgen Ausführungen zu namhaften Pionieren der Daguerreotypie in Europa wie Albert Stapfer, Alphonse Louis Poitevin, Hippolyte Fizeau, Antoine Claudet, Paul Michel Hossard, Baron Humbert de Molard, Jean-Gabriel Eynard, Bertha Wehnert-Beckmann, Carl Ferdinand Stelzner und Baron Jean Baptiste Louis Gros, die (wohlgemerkt !) mit Beispielen aus der Sammlung untersetzt wurden. Als äußerst selten und für die Photographiegeschichte wichtig ist eine Daguerreotypie von Fizeau einzuschätzen, die geätzt und dann als Druckplatte verwendet wurde.
Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Daguerreotypie "als Objekt", in dem es um Fassungen, Kolorierungen und Beschriftungen geht. Unter den vorgestellten Stücken sticht ein gerahmtes Tableau aus Amerika mit dreizehn (!) Daguerreotypien hervor, das eine regelrechte "Familiengalerie" en miniature verkörpert.
Das menschliche Porträt auf daguerrescher Platte nimmt den größten Raum
ein, wobei die ganze Spannbreite vom Einzelbildnis bis zum aufwändigen Gruppenbild ausgelotet wird. Hier bestechen u.a. die ausgewählten Kinderbildnisse, Aufnahmen im Freien oder Bilder der Gattung "Genre". Auffallend ist das Fehlen von Aufnahmen post mortem, also Bildnissen verstorbener Menschen.
Sachaufnahmen exzellenter Qualität verweisen auf die damals völlig neue Möglichkeit, Kunstwerke, Produkte oder Pflanzen festzuhalten und als Daguerreotypie (auch Stereodaguerreotypie) zu verbreiten.
Mit über zwanzig hochkarätigen, teilweise atemberaubenden Belegstücken war es gerechtfertigt, den Badener Daguerreotypisten "Trutpert Schneider und Söhne" ein eigenes Kapitel zu widmen, die auf ihren weiten Wanderungen und Reisen vor allem "Stereoscopen" angefertigt haben.
Einen ganz besonderen Charme entfalten die topographischen Ansichten auf Silberplatte, unter ihnen früheste Belegstücke aus Frankreich (um 1840/41) wie die großformatige Daguerreotypie von Vincent Chevalier mit der Ansicht des Panthéons in Paris oder sechs Platten im vollen Format von Edmond Denys mit Ansichten aus Nancy. Übertroffen wird diese Aufreihung höchstens noch von den Daguerreotypien des Weltreisenden Jules Itier, von denen sich mehrere Beispiele aus der Mitte der 1840er Jahre - aufgenommen in Ägypten - in der Sammlung Bosshard befinden.
Beschlossen wird das sehr empfehlenswerte Buch von einem erlesenen Konvolut erotischer Daguerreotypien aus Frankreich, die in der ersten Hälfte der 1850er Jahre Männerherzen höher schlagen ließen.

 

oben: Unbekannter Daguerreotypist: Fischverkäufer beim Filettieren, Amerika oder England um 1850/54, Stereodaguerreotypie

darunter: Auguste Belloc: Akt (Delphine Herbé) mit Spiegel, Paris um 1851-1855, Stereodaguerreotypie

darunter: Unbekannter Daguerreotypist: Löwin im Käfig, Einzelplatte einer Stereodaguerreotypie, USA um 1850

links Unbekannter Daguerreotypist: Frau Matzinger Egger (links) und ihre Schwester Catherine beim Kaffeetrinken, Schweiz um 1855


   
   
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