ZUR ÜBERSICHT FACHLITERATUR
Maren Grönig, Monika Faber
"Inkunabeln einer neuen Zeit -
Pioniere der Daguerreotypie in Österreich"

Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich, Band 4, herausgegeben von Monika Faber für die Fotosammlung der Albertina Wien.
Wien 2006
160 Seiten, zahlreich Farbabbildungen
Paperback
ISBN 3-902510-95-1

In deutscher Sprache

Einmal aufgeschlagen, fällt es schwer, die Lektüre zu unterbrechen und den Blick von den wunderbaren Beispielen früher österreichischer Photokunst zu heben. Was hier auf 160 Seiten in einem gediegenen Layout auf den Leser zukommt, ist ein äußerst gelungenes Beispiel national ausgerichteter Forschung und vermittelt darüber hinaus auch viel vom Zauber der frühen Photographie. Letzteres ist vor allem der Bildauswahl geschuldet.
Maren Grönig beschreibt die österreichischen Reaktionen auf Daguerres Erfindung, sowohl die der Presse als auch die erster Enthusiasten. Zwei der sechs von Daguerre an europäische Fürstlichkeiten verschenkten ersten Proben seiner Kunst waren nach Wien adressiert, an Kaiser Ferdinand I. höchstpersönlich und an seinen Staatskanzler Metternich. Das große Interesse des Kanzlers an der neuartigen Kunst drückte sich nicht zuletzt in der Einbestellung des österreichischen Physikers von Ettingshausen aus, der gerade in Paris das neue Verfahren direkt an der Quelle erlernt und eine entsprechende Apparatur erworben hatte. Noch im Herbst 1839 organisierte Metternich zwei Ausstellungen, auf denen die beiden von Daguerre und weitere von Ettingshausen gefertigte "Daguerreotypen" gezeigt wurden. Grönig versäumt es nicht, der "Fürstenhofrunde" - einem Treffpunkt österreichischer Photopioniere in Wien - gebührenden Platz einzuräumen und die Aktivitäten dieser Männer zu würdigen. In lockerer Runde experimentierte man und steuerte nicht wenige wichtige Verbesserungen zu Daguerres Verfahren bei. Ironie der Geschichte - man vergaß die Ideen mit einem Patentschutz zu versehen. Hervorgehoben werden die "Sekundenbilder" der Gebrüder Natterer und die Mikrodaguerreotypien Andreas von Ettingshausens, die auf ihre Art andere Daguerreotypisten zu ähnlichen Ergebnissen führten. Aber auch ganze Versuchsreihen zur Problematik des menschlichen Porträts, bei denen das neue Objektiv des genialen Petzval eine tragende Rolle spielte, lassen sich für die "Fürstenhofrunde" in Anspruch nehmen.

Monika Faber spürt den Verbreitungsmustern der Daguerreotypie in Österreich nach, wobei den Photopionieren Andreas von Ettingshausen und Carl Schuh eine tragende Rolle zukam. Ersterer wirkte auch maßgeblich an der Erfolgsgeschichte der Voigtländer-Kamera mit. Wenn diesem Apparat auch keine Zukunft beschieden war, so doch dem von Petzval berechneten Objektiv. Dies trat seinen Siegeszug durch die ganze Welt an. Österreichische Daguerreotypisten arbeiteten mit der "Wiener Methode", also der sehr wirksamen Lichtempfindlichkeitssteigerung, die durch Kratochwila und die Natterer-Brüder entwickelt und vorangetriebenen worden war.
In Wien selbst entwickelte sich das Polytechnische Institut zu einem Experimentierfeld der neuen Technik. Der dort angestellte Anton Martin übernahm die ersten Versuchsreihen für Petzval und Voigtländer. Aber auch andere "Polytechniker" wie Joseph Benedict Pasqualati von Osterberg, Erwin Waidele, Joseph Johann Pohl und Andreas Groll widmeten sich der Daguerreotypie. Faszinierend sind die im Buch zur Abbildung gebrachten Innenansichten des chemischen Laboratoriums im Polytechnikum, allesamt Daguerreotypien aus der Zeit um 1843.
Faber widmet auch der interessanten Berührung zwischen dem modernen Medium Daguerreotypie und Fortschrittstechniken wie der Eisenbahn oder anderen Ingenieurleistungen ihre Betrachtungen, ebenso der Auswirkung der Daguerreotypie auf die Künste. Die Dokumentationsaufnahme einer explodierten Lokomotive sucht ihresgleichen und war wohl motivisch bislang nur aus Amerika bekannt. Als einzigartig dürften wohl die 44 erhaltenen Daguerreotypien eingestuft werden, die der Bildhauer Hans Gasser von sich und seinem Bildhauerwerk hat anfertigen lassen.
Stilleben mit Kunstobjekten, Plänen, grahischen Blättern und mechanischen Apparaten, um 1840 und vielleicht in Anlehnung an die berühmten Stilleben von Daguerre entstanden, demonstrierten die enormen Möglichkeiten der Daguerreotypie in Gestalt von "Virtuositätsbelegen" (Faber) einer modernen Technik.
Auch die Versuche, Daguerreotypien drucktechnisch zu vervielfältigen, werden von Faber beleuchtet. Der Stadtansicht als Thema photographischer Experimente und dem ganz "privaten" Photo sind spannende und prägnant illustrierte Kapitel gewidmet. Nicht unterschätzt werden darf für die Verbreitung und Etablierung der Photographie die Rolle der Berufsdaguerreotypisten, die anders als die frühen Protagonisten nun ihren Lebensunterhalt mit der Daguerreotypie verdienten.

Auch wenn die österreichischen Daguerreotypisten aus künstlerischer Sicht - so ein Fazit des Buches - nicht mithalten konnten mit ihren Kollegen in Frankreich oder den USA, so kommt ihnen doch, vor allem aus technischer Sicht, eine hervorragende Rolle im Gesamtgefüge der frühen Photographie zu. Dies in anschaulicher und beweiskräftiger Art dargestellt zu haben, ist ein großes Verdienst der beiden Autorinnen.


   
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