ZUR ÜBERSICHT FACHLITERATUR
Gabriele Hofer
Fokussiert
Frühe Fotografien aus dem Nordico-Museum
der Stadt Linz. Die Sammlung Pachinger

mit einem Beitrag von Andreas Gruber
Verlag des Nordico-Museums Linz, 2007
224 Seiten, durchgehend in Farbe
über 160 Abbildungen
Paperback
ISBN 3-85484-090-91

In deutscher Sprache

1938 starb der Linzer Polyhistor Anton Maximilian Pachinger, dessen photographische Sammlung 1928 durch Schenkung an Pachingers Heimatstadt Linz übergegangen war.
Gabriele Hofer, Kuratorin der Exposition "Fokussiert" (8.Mai - 8. Juli 2007), stellte sich der Aufgabe, den umfangreichen Bestand an Daguerreotypien und frühen Papierphotographien zu sichten, zu kommentieren und in einen größeren Kontext zu stellen; aber auch das Leben des "genialen Sammlers" Pachinger unter besonderer Berücksichtigung seines Faibles für frühe Photographie zu beleuchten. Zwar waren einige wenige Daguerreotypien schon in anderen Publikationen erschienen und zwei photogenische Zeichnungen Johann Carl Enslens bereits seit dem Jubiläumsjahr 1989 (150 Jahre Photographie) durch Publizierung bekannt, das Gros aber der internationalen Fachwelt noch vollkommen unbekannt. Geschichtsaufarbeitung kommt nur voran, wenn sie sich auf entsprechendes Material in Form von originalen Belegen stützen kann. So darf man schon allein unter diesem Gesichtspunkt dem Museum Nordico und Gabriele Hofer dankbar sein, dass mit dem vorliegenden Buch wieder ein solcher Material-Baustein zur Verfügung steht. Bestandskataloge sind bekanntlich mit erheblichem Rechercheaufwand verbunden und stehen unter Kunstwissenschaftlern nicht unbedingt an der Spitze der Beliebtheitsskala. Aber sie sind von fundamentaler Bedeutung und von unschätzbarem Wert für die Grundlagenforschung.
Gabriele Hofer geht zunächst ausführlich auf das Leben und die Leidenschaften des Sammlers Pachinger ein, wobei deutlich wird, dass dessen Interesse an der frühen Photographie kein Geringes war, aber andere Themen durchaus überwogen. Als Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu verschiedenen, häufig auf seinen Sammelschwerpunkten basierenden Themen hatte sich der vielseitig interessierte Pachinger regional und international einen Namen gemacht.
Pachinger gehörte zu den wenigen, die in jener Zeit schon ein Augenmerk auf frühe Photographie legten. Es gehörte wohl zu den Wesenseigenschaften dieses durchaus skurril zu nennenden Zeitgenossen, unausgetretene Pfade zu beschreiten und Dinge zusammenzutragen, die andere noch nicht als sammelwürdig erkannt hatten. Als Pachingers Leitfaden photographischen Sammelns charakterisiert Hofer dessen Bemühen, eine Belegsammlung aller frühen photographischen Techniken anzulegen. Dabei spielten regionale Bezugspunkte keine vordergründige Rolle - der Zufall und der "Riecher" des gewitzten und fachlich kompetenten Sammlers hingegen eine große. Bei der Wahl des Sujets lag der Schwerpunkt auf dem Porträt. Eigentlich müsste man annehmen, dass Architektur- oder Landschaftsmotive (vor allem aus der Region Linz) trotz ihrer Seltenheit damals noch verfügbar gewesen sein müssten, aber es findet sich nur eine einzige Daguerreotypie mit Architekturmotiv (zudem eine nichtregionale, nämlich die älteste bekannte photographische Ansicht des Heidelberger Schlosses) in der Sammlung.

Im zweiten Teil des Buches widmet sich Gabriele Hofer den "spiegelnden Silberbildern – das Kultivierteste, was die Fotografie hervorgebracht hat". Insgesamt 115 Daguerreotypien trug Pachinger zusammen, wobei er einen Großteil (77 Stück) bereits 1911 im Besitz hatte. Daraus wird deutlich, dass er zu den ersten Sammlern im deutschsprachigen Raum gehörte, die sich diesem Genre zugewandt hatten. Hofer ordnet die Besprechung der Daguerreotypien in verschiedene Rubriken, um die innere Struktur der Kollektion deutlich zu machen. Mit Primus Skoff, Albert Petermandl und Leopold Zinnögger sind Vertreter der Linzer Daguerreotypisten benannt, zu denen sich noch anonyme Kollegen gesellen. Ähnlich wie bereits Monika Faber im Ausstellungskatalog "Inkunabeln einer neuen Zeit" kommt Gabriele Hofer angesichts der Linzer (und anderen einheimischen) Beispiele zu dem Schluss, dass die in Österreich gefertigten Daguerreotypien aus künstlerischer Sicht nicht an die besten Bildleistungen französischer, deutscher oder amerikanischer Daguerreotypisten heranreichen. Ob man wirklich dieses Fazit ziehen muss, wird sich vielleicht im Rahmen weiterer Forschung verdichten oder relativieren.
Eine zweite Gruppe von Daguerreotypien beinhaltet Beispiele bayerischer Lichtbildner, namentlich von Anton Edler, Franz Xaver Sölch und den Gebrüdern Kuhn. Künstlerisch ragt dabei das erst im Zuge der Buch- und Ausstellungsrecherchen entdeckte Bildnis von Amalie Stifter, der Frau des Dichters Adelbert Stifter, heraus, das um 1842 vermutlich in Wien durch Johann Konrad Kuhn aufgenommen wurde, der dort das Daguerreotypieren erlernt hatte.
Eine dritte Gruppe beinhaltet Daguerreotypien aus Österreich (anonyme Lichtbildner z.B. aus Wien, Innsbruck und Steyr), Deutschland (z. B. Carl Ferdinand Stelzner, Emil Schulz, Hermann Krone, Laurentius Christoph Herzog), der Schweiz (Carl Durheim), Frankreich (Perraud, Edouard Clément) und den USA (Matthew Brady, Julius Brill, Felix Moissenet) sowie Stücke, für die kein konkreter Entstehungsort festliegt. Auch Belegstücke aus Prag (Wilhelm Horn) und eine Aufnahme aus dem fernen Lemberg gehören dazu.
Den Einzelporträts schließt Hofer Familienporträts und Freundschaftsbilder an, die in sehr unterschiedlicher Ausprägung vertreten sind.
Einer besonderen Heraushebung waren Hofer die amerikanischen Daguerreotypien wert, obwohl nur drei Stück in Pachingers Vermächtnis existieren. Hier ist es die bemerkenswerte Beherrschung der handwerklichen Prozesse durch die amerikanischen Daguerreotypisten, die zu dieser besonderen Hervorhebung durch die Autorin führte. Amerika nahm eine Spitzenstellung in der Daguerreotypie ein. Abschließend geht die Autorin auf die beiden französischen Stereo-Daguerreotypien aus dem Bereich der Erotik ein, die Pachinger vielleicht zur Abrundung seiner Sammlung erwarb. Auch vier Kunstreproduktionen in Form von "Stereoskopen" dürften unter diesem Gesichtspunkt nach Linz gelangt sein, unter ihnen zwei bedeutsame Daguerreotypien mit Skulpturen Ludwig Michael Schwanthalers. Zwei "normale" Daguerreotypien reproduzieren Kupferstiche christlichen Inhalts.
In einem zweiten, etwas kürzerem Teil reflektiert Gabriele Hofer die in Pachingers Sammlung verwahrten Papierphotographien, unter denen vor allem die wunderbaren Künstlerporträts (Kalotypien) von der Hand des Münchner Photopioniers Alois Löcherer herausragen. Salzpapierphotos (teilweise stark übermalt), Pannotypien und Albuminabzüge (darunter auch Cartes de Visite) dienen der Vervollständigung des Pachingerschen Anspruchs, möglichst alle Techniken früher Photographie dokumentiert zu haben.
Im Anschluss beleuchtet Andreas Gruber in einem gesonderten Kapitel die verschiedenen photographischen Techniken, um dem weniger vertrauten Leser einen kleinen Leitfaden an die Hand zu geben. Unter dem Stichpunkt "Daguerreotypie" haben sich ein paar Ungenauigkeiten eingeschlichen, welche die Präsentationsformen betreffen. So müsste man ergänzen, dass auch im deutschsprachigen Raum zahlreiche Etuis aller möglichen Ausformungen benutzt (vor allem in Österreich, Ungarn und Böhmen) und nicht nur die gängigen Papierpassepartouts verwendet wurden. Die tiefen, bronzierten Passepartouts bei französischen Daguerreotypien entstanden nicht durch "Schrägschnitt", sondern durch Pressen in einer Form (ähnlich wie auch heute noch Pappteller u. ä. produziert werden). Englische Daguerreotypieetuis waren nicht "meistens an der Oberkante aufzuklappen", sondern vor allem diejenigen, die bis ca. 1843/45 produziert wurden. Dann bürgerte sich in England das seitlich zu öffnende Etui ein. Die benannten Kleinigkeiten schmälern das großartige Buch nicht, erinnern aber daran, dass die Beschäftigung mit den regional geprägten Erscheinungsbildern von Daguerreotypien noch ein Desiderat darstellt.
Man darf dem Publikation das Prädikat "sehr empfehlenswert" bescheinigen und beiden Autoren für ihre hervorragende Arbeit gratulieren.
(Unsere Abbildungen zeigen Daguerreotypien aus dem Band: Leonhard Kuhn, Bildnis der Amalie Stifter, vermutlich Wien 1842 / K. Reyb, Ansicht des Heidelberger Schlosses, vor 1841 / Hermann Krone, Bildnis eines Mannes mit Pudel, Dresden 1858)

   
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