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In der August-Ausgabe 2005 der Zeitschrift WELTKUNST erschienen zwei Beiträge zur Daguerreotypie aus unserer Feder, von denen wir einen hier zur Veröffentlichung bringen.

Daguerreotypien sind entgegen häufig geäußerten Bedenken nicht lichtempfindlich, jedenfalls nicht in den allermeisten Fällen. Man muss unterscheiden zwischen den ersten Versuchen und den ab 1842 in hoher technischer Vollendung gefertigten Aufnahmen. Die frühesten Beispiele sind tatsächlich äußerst gefährdet. Stärkerer Lichteinfluss und geringstfügige Berührung würden diese Inkunabeln mit Sicherheit zerstören. 1841 entdeckte man aber die bildstabilisierende Wirkung von Goldchlorid. Mit einer wässrigen Lösung dieses Salzes wurden die Daguerreotypien übergossen und erwärmt, wodurch sie gegen Abrieb unempfindlicher wurden (das erlaubte dann auch das Auftragen von feinsten Staubfarben mit Haarpinselchen), sich dem Licht gegenüber resistent verhielten und außerdem einen wärmeren Farbton annahmen. Mit dem Vergoldungsverfahren wurden nahezu alle Daguerreotypien ab 1842 behandelt.
Trotzdem darf man Daguerreotypien nicht einer stärkeren Beleuchtung aussetzen, denn der UV-Anteil des Lichtes wirkt sich negativ auf die Papierpassepartouts sowie auf textile Ausfütterungen und Lederbespannungen der Etuis aus. Es sollten also diejenigen Regeln eingehalten werden, die bei empfindlichen Graphiken und Textilien zu beachten sind. Wenn auch die erwähnte Behandlung mit Goldchlorid eine gewisse Stabilität herbeiführte, so darf man Daguerreotypien dennoch nicht mit den Fingern berühren. Normalerweise ist dies auch nicht möglich, denn ein schützendes Deckglas verhindert den Zugriff. Bisweilen kommt es aber zum Bruch. Die leiseste Berührung mit den Fingern hinterlässt dann irreversible Schweißspuren auf der Platte, die den Wert sofort mindern. Niemals darf der Versuch unternommen werden, Schmutz oder Glassplitter von der Daguerreotypie zu wischen – das würde ihr Ende bedeuten. Die eigentlichen Feinde der Daguerreotypie sind die schwefelhaltigen Bestandteile der Luft. Deshalb wurden Daguerreotypien mit ihrem Schutzglas dicht verklebt. Da Leime aber verspröden und Papiere rissig werden, sind häufig die Dichtungen nicht mehr intakt. Dann kann Luft eindringen und auf der Platte Anlauffarben bilden – erst ein fleckiges Braun, später ein metallisch schillerndes Blau, schließlich auch ein tiefes Blauschwarz. Wie Silberbesteck läuft die Daguerreotypie von ihren Rändern beginnend an. Früher verstand man diese Erscheinung grundsätzlich als Makel, heute als Patina mit eigener Ästhetik. Allerdings verläuft die Sulfidbildung immer weiter, und eines Tages wird das Motiv völlig verschwunden sein. Deshalb ist die Regenerierung defekter Dichtungen äußerst wichtig, um den Anlaufprozess zu stoppen. Hier werden allerdings die größten Sünden begangen, etwa wenn Selbstklebeband zum Einsatz kommt. Nicht nur die Daguerreotypie als Bild, sondern auch deren Fassung ist Bestandteil des Originals und unbedingt erhaltenswert! Stets sollte deshalb ein Restaurator mit den Arbeiten betraut oder wenigstens konsultiert werden. Vielfach befindet sich Staub auf der Unterseite des Glases. Dies sollte nicht unbedingt zur Öffnung und Reinigung führen, denn der Handelswert einer original verschlossenen Daguerreotypie liegt naturgemäß höher – solche Stücke werden weltweit immer seltener. Eingriffe sind allerdings geboten, wenn das Deckglas an der Glaskrankheit leidet. Dies erkennt man an kleinen Tröpfchen, die auf der Innenseite der Scheibe hängen. In diesem Fall muss die Scheibe gewechselt werden, um das Silberbild vor den stark alkalisch wirkenden Tröpfchen zu schützen. Allerdings eignet sich nicht jedes Glas für Ergänzungen.
Will oder kann man die Daguerreotypie nicht öffnen, so muss man einer Schädigung vorbeugen. Staub, Tröpfchen oder auch losgelöste Papierkrümel sollten die empfindliche Oberfläche des Bildes nicht berühren, weshalb man die Daguerreotypien verkehrt herum aufbewahrt, d.h. mit der Bildseite nach unten. Will man gerahmte Daguerreotypien aufhängen, sollte man Außenwände vermeiden. Hier kann wärmere Innenraumluft auf der kalten Daguerreotypierückseite kondensieren und im Laufe der Zeit durch das Papier nach innen dringen.

Alle Daguerreotypien auf dieser Seite wurden in unserem Labor restauratorisch bearbeitet.

  ganz oben: Eine Daguerreotypie des in Dresden wirkenden Daguerreotypisten Richard Scholz (Technische Sammlungen Dresden), deren Deckglas von der Glaskrankheit befallen war. Laugetröpfchen und Schmutz verbanden sich zu einem Schleier. Nach Abnahme der Scheibe erscheint die Bildoberfläche noch wunderbar klar, bis auf eine Partie links neben dem Kopf. Hier hat das Glas die Daguerreotypie berührt (Scheiben und Kupferplatten sind nie völlig plan) und die aus dem Glas austretenden Alkalien verursachten Korrosionspunkte auf dem Kupfer, um die sich eine Feuchtigkeitsgrenze markiert. Dieser Schaden ist leider irreversibel. Je länger eine kranke Glasscheibe am Objekt verbleibt, desto intensiver werden die Schäden ausfallen.

darunter: Glasbruch ist einer der häufigsten Schäden an Daguerreotypien. (Eine Daguerreotypie des Berliner Photographen Gustav Oehme, um 1845, in den Technischen Sammlungen Dresden)

darunter: Eine Daguerreotypie, die ohne Passepartout direkt mit einer Glasscheibe abgedeckt wurde. Ein Stück Klebeband verschloss einen späteren Sprung, um das Eindringen von Luft zu verhindern. (Daguerreotypie im Besitz des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig)

nebenstehend: Porträtdaguerreotypie mit zahlreichen Korossionspunkten (Privatbesitz / Anmerkung: Die Platte befindet sich inzwischen im Kupferstichkabinett Dresden, JV 2014).

   
   
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