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AMERIKANISCHE FOTOGRAFENLEGENDE

Bertha Wehnert-Beckmann

Porträt des New Yorker Daguerreotypisten und Fotoartikelhändlers Edward Anthony (1819-1888)
Kalotypienegativ
New York, um 1850/51
Privatbesitz

Abbildung aus dem Buch
"A German Lady" von Jochen Voigt

Als Bertha Wehnert-Beckmann im Herbst 1849 nach New York kam, suchte sie die Bekanntschaft der dortigen Fotografieszene. Es ist vollkommen selbstverständlich, dass sich umgekehrt auch dortige Fotografen für die deutsche Frau interessieren mussten, die auf dem Broadway in bester Lage ein kleines Atelier für Kalotypie eröffnet hatte. Inmitten des Weltzentrums der Daguerreotypie traute sich Wehnert-Beckmann, Papierfotografien zu offerieren.
Sie war keine Anfängerin, immerhin reichten ihre ersten Versuche bis zu den Anfängen der Daguerreotypie zurück. So war sie sogar einem Herrn ebenbürtig, der in New York zu den Urgesteinen der Fotografie zählte: Edward Anthony hatte 1840 das Daguerreotypieren gelernt und war fotografierend durch die Lande gezogen. In den 1840er Jahren betrieb er mit wechselnden Partnern ein daguerresches Porträtatelier in New York. Im Jahr 1848 gründete er mit "E. Anthony & Company" eine eigene Firma zur Herstellung und zum Vertrieb von fotografischen Materialien, die sich zur größten der USA entwickeln sollte. Als Bertha in der Metropole am Hudson eingetroffen war, befand sich Anthonys Firma am Broadway also gerade am Beginn einer beispiellosen Erfolgsstory. Im Jahr 1850 begann Anthony, eignene Daguerreotypie-Etuis herzustellen. Als Bertha nach Leipzig zurückkehrte, hatte sie amerikanische Etuis im Gepäck, auf deren Mats ihr Name eingeprägt war. Dass sie aus Anthonys Firma stammen, scheint sehr wahrscheinlich.
In einem Konvolut Papiernegative, welches sich in Privatbesitz befindet, tauchen zahlreiche Exemplare auf, für die wir als eindeutigen Entstehungsort New York bestimmen konnten. Unter ihnen finden sich zwei Negative mit dem Bildnis Edward Anthonys. Insbesondere im Bereich der Haare ist das Negativ retuschiert, sodass der Kopf wie "ausgeschnitten" erscheint. Das war weniger schlimm, denn die Kalotypiepositive wurden ohnehin malerisch überarbeitet und fehlende Haare wieder hinzugemalt. Anthonys harter Blick, der von anderen Bildnissen bekannt ist, lässt sich auch auf Berthas Kalotypien deulich ausmachen. Anthony tritt als erfolgreicher Geschäftsmann auf, stolz und unnahbar. Der gelernte Ingenieur galt in den USA als Instanz in Sachen Fotografie.
Das bisher älteste fotografische Bildnis von Anthony entstand um 1860 oder etwas später (siehe unten). Berthas neu entdecktes Porträt zeigt den aus wohlhabenden Verhältnissen stammenden Mann weitere 10 Jahre vorher und darf nun mit Recht als frühestes fotografisches Konterfei des Fotopioniers gelten.
Die Begegnung Berthas mit Edward Anthony ist in viellerlei Hinsicht bemerkenswert. Er war es gewesen, der als erster Amerikaner versucht hatte, die Rechte zur Ausübung der Talbotypie in den USA von Talbot zu erweben. Da sich die Verhandlungen zu langwierig und zäh gestalteten, verlor Anthony das Interesse. Nun trat überraschend die "German Lady" in New York auf und machte die Bewohner mit dieser Technik in Form eines laufenden Atelierbetriebes bekannt. Das MUSSTE Anthony interessieren. Dass ausgerechnet er sich unter den wenigen erhaltenen Kalotypienegativen befindet, ist mehr als bemerkenswert.
Bertha Wehnert widmet sich ab 1854 der Stereofotografie und gehört zu den ersten Fotografen Deutschlands, die eine Stereoskopenausstellung veranstalten. Anthony wiederum beginnt 1859 im großen Stil, Stereofotografien auf Albuminpapier herauszugeben und entwickelt sich zum größten Anbieter in den USA.

Bild 1: Talbotypienegativ von Bertha Wehnert-Beckmann, um 1850/51
Bild 2: Im Computer generiertes Positiv
Bild 3: Detail.
Bild 4: Bildnis Edward Anthony, um 1860

   





   
   
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