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A GERMAN LADY
BERTHA WEHNERT-BECKMANN
Leben & Werk einer Fotografiepionierin

EIN ARZT MIT VOLKSNÄHE

Bertha Wehnert-Beckmann

Porträt Professor Dr. Bock
Daguerreotypie, 1/4-Platte
Leipzig, 1850er Jahre
Deutsches Museum München

Abbildung aus dem Buch
"A German Lady" von Jochen Voigt


In der ersten Offerte Bertha Beckmanns in Leipzig wird von den neuartigen „lebhaften Farben“ ihrer Daguerreotypien gesprochen. Auch der Daguerreotypist Eduard Wehnert war seinerseits im Mai 1843 mit einem solchen Verfahren an die Öffentlichkeit getreten. So informierte das Leipziger Tageblatt seine Leser: „Das Coloriren der Daguerreotyps ist aber keineswegs eine leichte Sache, und unzählige Versuche wurden gemacht, mehr oder weniger glücklich; unstreitig die glücklichste Erfindung in dieser Hinsicht machte aber Herr Eduard Wehnert im Vereine mit dem Prof. Bock allhier, welche Beide unermüdlich zum Theil sehr kostspielige und Zeit raubende Versuche machten, bis es ihnen endlich gelang, colorirte Daguerreotyps herzustellen, welche vollkommen bunten Aquarellbildern gleichen.“ Carl Ernst Bock, seit 1831 Doktor der Medizin und 1839 als außerordentlicher Professor der Medizin an die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig berufen, ist durch eine frühe fotografische Aufnahme bildhaft, deren Original verschollen und nur durch schlechte Reproduktionen überliefert ist. Diese Vehikel reichen aber vollkommen aus, um eine bisher unbekannte und nicht identifizierte Daguerreotypie von Bertha Wehnert-Beckmann im Deutschen Museum München als ein Bildnis des Anatomen und Volksmediziners zu erkennen.
Als Bock mit Wehnert erfolgreich Kolorierversuche unternimmt, hat er bereits mehrere Veröffentlichungen vorgelegt, so das Handbuch der Anatomie des Menschen 1839, das Anatomische Taschenbuch im gleichen Jahr und den Handatlas der Anatomie 1840. Sie waren wie die meisten seiner (noch folgenden) Bücher von klarer, allgemeinverständlicher Sprache und trugen in starkem Maße zur medizinischen Bildung des Volkes bei. Dies war ihm ein wirkliches Anliegen, das er zeitlebens nicht aus den Augen verlor. „Viele Jahre hindurch ist B. alle Morgen um 3 Uhr aufgestanden, hat im ungeheizten Zimmer bis gegen 8 Uhr geschriftstellert und dann seine Tagesarbeit begonnen, welche besonders in Repetitorien und Examinatorien, bald auch (nachdem er sich habilitirt hatte) in eigenen Collegien bestand. Er galt bei den Studenten als der zuverlässigste Einpauker und trieb mit ihnen ziemlich alle Fächer der Heilkunde.
Man muß aber nicht glauben, daß Bock dabei zum gewöhnlichen Stubengelehrten geworden sei. Zwar verschmähte er schon damals das gewöhnliche Prakticiren, sogar in der Chirurgie, obgleich er für letztere besonders begabt und von zwei der besten Leipziger Chirurgen, Kohlrusch (gemeint ist Georg Friedrich Kohlrusch, 1780–1843) und Kuhl (gemeint ist Karl August Kuhl 1774–1840), als wirklicher Assistent, sogar im Jakobspital verwendet worden war. Aber sonst war er in leiblichen Dingen nichts weniger als ein Stubenhocker. Er schwamm, ritt, machte Fußreisen, avancirte in der Communalgarde zum Officier und endlich zum Bataillons-Commandanten, welcher zu Pferde die Manövers commandirte, – und zwar nicht ohne Anerkennung, sogar von Seiten des Militärs, aber auch unter allerlei Händeln, in welche ihn sein Sinn für das Recht und seine Gewohnheit, ohne Ansehen der Person Jedem seine Meinung gerade heraus zu sagen, verwickelte.“(1) Da Bock ein in breiten Bevölkerungsschichten Leipzigs bekannter Arzt von ausgeprägter Volksnähe war, wie dieser amüsante Bericht eines Medizinerkollegen aus Dresden nur unterstreicht, konnte eine Zusammenarbeit mit ihm bzw. die öffentliche Nennung seines Namens durchaus auch für das Geschäft des Daguerreotypisten Eduard Wehnerts förderlich sein.
Leider ist in keinem der wenigen über Bock verfassten Texte dessen Engagement für die junge Daguerreotypie erwähnt. Seine Versuche, die silbergrauen Bildnisse durch Kolorierung zu beleben, fallen in eine Zeit, in der man dieses Problem auch an anderen Orten zu lösen versucht. Bekanntlich hat der Schweizer Daguerreotypist Johann Baptist Isenring (1796–1860) das Kolorieren mittels Staubfarben erfunden, verkaufte jedoch das Patent im Januar 1842 nach England. Erst nach Ablauf einer achtmonatigen Sperrfrist durfte er es für seine eigenen Arbeiten anwenden. Prof. Dr. Rudolph Christian Böttger in Frankfurt a. M. bot Anfang März 1843 in Dinglers Polytechnischem Journal ein angeblich selbst entwickeltes Kolorierverfahren gegen Gebühr an. Anfang März 1843 offerierte der Maler Johann Stark in Marienbad kolorierte Daguerreotypien, im April 1843 der erste Berufsdaguerreotypist Berlins, Johann Carl Conrad Schall und im Mai 1843 Carl Dauthendey. Bei allen bleibt das genaue Verfahren im Nebulösen. Vermutlich handelte es sich stets um eine Abart des Isenringschen Verfahrens, das ab Frühling 1843 durch Mund-zu-Mund-Propaganda weit verbreitet, „nacherfunden“ und dann vom jeweiligen „Nacherfinder“ für sich reklamiert wurde.

In Leipzig beschäftigten sich noch weitere Enthusiasten mit dem Kolorieren. Vom dort agierenden Astronomen Gustav Adolph Jahn (1804–1857) kennen wir einen Fachartikel "Ueber das Ficiren und Coloriren der Daguerre’schen Lichtbilder", in dem er seine Erfahrungen mit Pastellstaub unter Zuhilfenahme von Kopalfirnis beschreibt, also einem wiederum modifizierten Verfahren. Wahrscheinlich aber war es Bock und Wehnert am überzeugendsten gelungen, dem Problem der „leichenhaften Blässe“ entgegen zu wirken.

(1) H.E.F.Richter: Der Vater des Leipziger Turnwesens, in: Die Gartenlaube, 1863, S. 487. Beim Verfasser handelt es sich um Hermann Eberhardt Friedrich Richter (1808–1876), Mediziner und Professor an der Dresdner Chirurgisch-Medizinischen Akademie.

   
Oben: Daguerreotypie, vierte-Platte, mit dem Bildnis Dr. Bocks. Deutsches Museum München.
Unten: Dr. Bock in späterem Alter, Holzschnitt aus der "Gartenlaube"


   
   
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