ZUM MONATS-ARCHIV
HOME

A GERMAN LADY
BERTHA WEHNERT-BECKMANN
Leben & Werk einer Fotografiepionierin

DER VOLLSTÄNDIG BESEELTE KOSMOS

Eduard Wehnert (1811-1847)

Porträt des Wissenschaftlers Gustav Theodor Fechner (1801-1887) und seines Freundes Maximilian Rüffer
Daguerreotypie, ganze Platte
original versiegelt
Leipzig, um 1845
Sammlung May und Jochen Voigt

aus dem Buch "A GERMAN LADY. Bertha Wehnert-Beckmann. Leben & Werk einer Fotografiepionierin"
von Jochen Voigt

"Was Millionen gestorbener Menschen geschaffen, gehandelt, gedacht haben, ist nicht mit ihnen gestorben, noch wird es wieder zerstört von dem, was die nächsten Millionen schaffen, handeln, denken, sondern es wirkt in diesen fort, entwickelt sich in ihnen selbständig weiter, treibt sie nach einem großen Ziel, das sie selbst nicht sehen." G. T. Fechner

"Zunächst Physiker, später Philosoph, zählt Fechner zu den wichtigsten deutschen Gelehrten des 19. Jahrhunderts. Er leistete grundlegende Arbeiten auf dem Gebiet der Elektrizitätslehre und gilt als Begründer der sog. Psychophysik. – Fechner besuchte ab 1814 die Dresdner Kunstakademie, ab 1816 die Medizinisch-Chirurgische Akademie und nahm 1817 das Medizinstudium an der Universität Leipzig auf. Nachdem er 1819 das Bakkalaureat erworben hatte, legte er 1822 das praktische Examen ab. Er verließ jedoch das Gebiet der Medizin und habilitierte 1823 an der Philosophischen Fakultät. – 1827 führte ihn eine Studienreise nach Bayern, in die Schweiz und nach Frankreich. 1831 war Fechner zunächst außerordentlicher Professor für Physik an der Universität Leipzig, 1834 erhielt er dort ein Ordinariat. Er arbeitete auf dem Gebiet der Elektrizitätslehre, untersuchte die Elektrolyse und prüfte das Ohmsche Gesetz. Ebenso forschte er zum Magnetismus, zur subjektiven Wahrnehmung von Farben und führte Verbesserungen an physikalischen Instrumenten ein. –

Durch Selbstversuche fast erblindet, musste Fechner sein physikalisches Lehramt 1840 niederlegen. Zudem litt er an schweren Depressionen. Er konnte sich jedoch in den kommenden Jahren erholen und den Vorlesungsbetrieb ab 1844 wieder aufnehmen. Allerdings hatte er sich während dieser Krisenzeit von der Physik ab- und der Philosophie zugewandt. Sein Nachfolger auf dem physikalischen Lehrstuhl wurde noch 1843 Wilhelm Eduard Weber, während Fechner nun als Professor für Naturphilosophie und Anthropologie in Leipzig tätig war. – Die Wurzeln seines philosophischen Weltbilds finden sich in der romantischen Naturphilosophie sowie in mythologisch-christlichen Vorstellungen verankert. In seinen Hauptwerken "Nanna" (1848) und dem "Zend-Avesta" (1851) begründete Fechner einen vollständig beseelten Kosmos. In diesem ordnete er Gott die Funktion einer allumfassenden Weltseele zu. Die Seelen der Menschen sowie aller übrigen Dinge seien ihr untergeordnet und miteinander verwoben. Den Materialismus, welcher diese Einheitlichkeit der Welt nicht berücksichtige, interpretierte er als (dunkle) "Nachtansicht". Von ihnen grenzte er die ganzheitliche "Tagesansicht" ab. – Wie Fechner im "Büchlein vom Leben nach dem Tode" (1836) darlegte, durchlaufe der Mensch drei Lebensstadien: zunächst einen Schlaf im Dunklen, während dessen sich der Körper entwickle. Es folge die Geburt als Übergang zum zweiten Stadium. Dieses sei nach Fechner durch ein stetiges Wechseln zwischen Schlaf und Wachzustand sowie durch die Herausbildung des menschlichen Geistes charakterisiert. Durch den Tod gelange der Mensch letztlich in das Stadium des ewigen Wachens. In diesem entwickle sich "der göttliche Keim, der in jedes Menschen Geist liegt". Letzterer habe durch den Tod seine körperliche Hülle verlassen, wirke aber in den Hinterbliebenen fort. – Mit seinen 1860 veröffentlichten "Elementen der Psychophysik" begründete Fechner die Experimentalpsychologie. Das schon 1834 von Ernst Heinrich Weber formulierte Webersche Gesetz, das den physiologischen Reizzuwachs im Verhältnis zum Ausgangsreiz beschrieb, entwickelte er zum Weber-Fechnerschen Gesetz weiter. Nach diesem lässt sich die Empfindungsintensität als proportional zum Logarithmus des Reizes beschreiben. Seine Psychologie beeinflusste u.a. die Arbeiten Ernst Machs und Wilhelm Wundts.
Auf Fechner gehen in den 1820er-Jahren entstandene Übersetzungen und Ergänzungen des "Lehrbuchs der Experimentalphysik" von Jean-Baptiste Biot sowie des "Lehrbuchs der theoretischen und praktischen Chemie" Louis Jacques Thenards zurück. Ab 1834 gab Fechner ein achtbändiges "Haus-Lexikon" heraus. Unter dem Pseudonym "Dr. Mises" verfasste er auch wissenschaftliche Satiren.
Fechner war Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, der Academia Leopoldina, der Sächsischen sowie auch der Wiener Akademie der Wissenschaften. Ebenso gehörte er dem liberalen Deutschen Verein in Leipzig an. Die Ehrenbürgerschaft der Stadt Leipzig wurde ihm 1884 verliehen."

Martin Schneider, Fechner, Gustav Theodor (Pseudonym: Dr. Mises), in: Sächsische Biografie, hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., bearb. von Martina Schattkowsky

Von dem 1801 in Groß Särchen bei Muskau geborenen Fechner gab es bis heute kein fotografisches Bildnis aus jüngeren Jahren, weshalb die hier vorgestellte Daguerreotypie als durchaus sensationell eingestuft werden darf, zumal sie im größten üblichen Format – als ganze Platte – aufgenommen wurde. Sie zeigt Fechner etwa 1,5 bis 2 Jahre nach Abklingen seines schweren Leidens.
Von besonderem Interesse ist auch, dass Fechners Jugendfreund und Kommilitone Maximilian Rüffer mit auf der Daguerreotypie erscheint, der uns durch Notizen aus Fechners Tagebüchern bekannt ist - von dem aber bislang kein Bildnis auffindbar war. 1847 reist Fechner nach Wartenburg (bekannt durch die Schlacht gegen Napoleon), wo er "wieder mit Rüffer anknüpfte", wie er in seinem Tagebuch schreibt. Da der Daguerreotypist Wehnert in Leipzig kurz darauf stirbt und vorher in Wien war, kann die hier gezeigte Daguerreotypie nicht 1847 entstanden sein. Offenbar ist Rüffer einige Zeit früher schon mal nach Leipzig gekommen, wahrscheinlich um den Genesenden zu besuchen.

Bild 1
Porträt Fechner und Rüffer, Daguerreotypie aus dem Rahmen genommen.

Bild 2 und 3
Details Bildnis Fechner

Bild 4
Altersbildnis Fechners

Bild 5
Fechners Freund Maximilian Rüffer

Bild 6
Fechners Geburtshaus in Zarki Wielkie (Groß Särchen), Republik Polen

Literatur: Gustav Theodors Fechner Tagebücher 1828 bis 1879, herausgegeben von Anneros Meischner-Metge, bearbeitet von Irene Altmann, Stuttgart 2004

   





   
   
NACH OBEN
  3535