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EINE BESONDERE DAGUERREOTYPIE VOR

Unbekannter Daguerreotypist
Genreszene
1/4 Platte (Silberauftrag: gewalzt; Daguerreotypie goldgetont)
Reste von Goldapplikationen
Maske aus weißem Papier; Deckglas; Rahmen aus geprägtem Leder
Handschriftliche Notiz auf der Rückseite: "Dresden, 1852"
Abmessungen: 60 x 80 mm (Bildausschnitt); 102 x 126 mm (inkl. Rahmen)
© Nordico – Museum der Stadt Linz; Sammlung Pachinger

Auf den ersten Blick gibt diese äußerst spannende, 1852 in Dresden entstandene Daguerreotypie eine häusliche Szene wieder, die im bildungsbürgerlichen Milieu angesiedelt ist: Ein gepflegter junger Mann hat sich zum Zwecke des Literaturstudiums an einem Tisch niedergelassen, auf dem ein Stapel Bücher, ein Brillenetui, Schreibutensilien, eine Flasche Wein und ein gefülltes Trinkglas arrangiert sind. Vor dem konzentriert in die Ferne blickenden Mann liegt ein aufgeschlagenes Buch. Während er mit dem Zeigefinger der einen Hand auf eine Textstelle weist, hält er mit Zeige- und Mittelfinger der anderen eine brennende Zigarre – ein Attribut des Wohlstands, ebenso wie die zahlreichen mit Staubgold hervorgehobenen Schmuckstücke. Dicht hinter dem Lesenden steht eine ebenfalls mit Schmuckstücken herausgeputzte Frau. Ihr Oberkörper ist leicht nach vorne gebeugt, sie scheint an der Tätigkeit des Mannes interessiert zu sein, sie scheint sich ihm zu widmen, auch wenn ihr Blick nach oben gerichtet ist: ein harmonisches Bild häuslichen Friedens.
Nun birgt aber die genauerer Betrachtung der weiblichen Figur ein irritierendes Moment: Obwohl um eine grazile Körperhaltung sichtlich bemüht, erscheinen Arme, Hände, Hals- und Schulterpartie sowie vor allem das Gesicht der Dargestellten sehr maskulin. Dies legt den Schluss nahe, das es sich bei den dargestellten Personen um Schauspieler handelt. Die Dame rechts im Bild dürfte ein verkleideter Mann sein: Rustikal und gar nicht ladylike sind die Ärmel seines Bühnenkostüms – ein modisches schwarzes Damenkleid – nach oben gekrempelt. Die gesamte Szene ist bis ins kleinste Detail sorgfältig arrangiert und durchkomponiert. Wie an der oberen Bildkante zu erkennen ist, fungiert eine aufgespannte Stoffbahn als Szenenhintergrund – was den Eindruck, dass es ich um eine Bühnensituation handelt, noch verstärkt.
Anhaltspunkte zum näheren Inhalt der dargestellten Szene sowie zum Autor der Aufnahme fehlen leider. Die bis auf einige Kratzspuren sehr gut erhaltene Daguerreotypie stammt aus der Kollektion des passionierten Universalsammlers Anton Maximilian Pachinger (1864–1938). Als einer der Ersten im deutschsprachigen Raum hat sich Pachinger bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert für frühe Fotografien interessiert. Die 115 Daguerreotypien seiner Sammlung werden heute im Nordico – Museum der Stadt Linz verwahrt.

Gabriele Hofer

Literaturhinweis:
Gabriele Hofer, Fokussiert. Frühe Fotografien aus dem Nordico – Museum der Stadt Linz. Die Sammlung Pachinger. Mit einem Vorwort von Herfried Thaler und einem Beitrag von Andreas Gruber, Linz 2007, 223 Seiten, 165 Abb. in Farbe, ISBN 3–85484–090–91, Preis: € 20,--
Kontakt für Bestellungen: nordico@mag.linz.at

   

   
   
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