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HIER STELLEN WIR MONATLICH
EINE BESONDERE DAGUERREOTYPIE VOR

wahrscheinlich Theodor Fischer (1824-1908)
Porträt seiner Mutter
Reproduktion eines von Fischer stammenden Gemäldes
Gera, um 1855
Stadtmuseum Gera
1/4-Platte unter bedrucktem Papierpassepartout

Theodor Fischer (1824-1908)
Reproduktion einer von ihm gemalten Schützenscheibe
Gera, 1856
Stadtarchiv Gera
1/4-Platte (jetzt unter neuem Passepartout, da das originale Passepartout fehlte)


In diesem Monat möchten wir mit zwei Daguerreotypien bekannt machen, deren wissenschaftliche Bearbeitung dem Geraer Fotohistoriker Frank Rüdiger zu verdanken ist. Er hat seine Erkenntnisse in dem Periodikon "Geraer Hefte zur Geschichte, Archäologie und Volkskunde" Nr. 2 von 2006 unter dem Titel "Zwei außergewöhnliche Gemäldereproduktionen aus den Anfängen der Fotografie in Gera" publiziert (S. 57-71). Die "Geraer Hefte" werden gemeinsam vom Stadtarchiv Gera und dem Stadtmuseum Gera herausgegeben. Wir stellen Ihnen die bemerkenswerten Daguerreotypien vor, weil die damit verbundenen Recherchen Rüdigers durchaus von allgemeinem Interesse sind, denn sie berühren Fragen nach dem Stellenwert der Daguerreotypie bei der Reproduktion von Kunstwerken.
Vor einiger Zeit wurde uns eine Daguerreotypie vom Stadtarchiv Gera übergeben. Diese Platte gelangte lose ohne jede Fassung, eingeschlagen in ein Wachspapier, in unser Labor.
Bedingt durch die glaslose Aufbewahrung war es zu Kratzern und Wischern auf der Bildseite gekommen. Das Motiv der Daguerreotypie war indessen durch starke Silbersulfidbildung nicht mehr zu erkennen. An einem der Längsränder waren unleserliche Schriftreste zu sehen, die mit Tinte aufgebracht wurden.
In einem Bad mit Ammoniumhydroxid wurde die Daguerreotypie nach der Methode von Susan M. Barger mit Hilfe des sogenannten electrocleaning-Verfahrens (Elektrode aus Silber) von den Sulfidablagerungen befreit. Dabei stellte sich heraus, dass die Aufbewahrung der Daguerreotypie in einem wachshaltigen Papier wahrscheinlich zu Ablagerungen geführt hatte, die ein gleichmäßiges Einwirken des Bades unmöglich machte. Die Daguerreotypie wurde deshalb vorsichtig in hochprozentigem Ethylalkohol gespült und die Prozedur wiederholt. Es gelang jetzt, den Bildinhalt weitgehend wieder sichtbar zu machen: Es handelt sich um die Reproduktion eines Bildes, das eine Schützengesellschaft vor einem Gebäude stehend zeigt.
Einer gründlichen Wässerung und anschließenden Trocknung unter Zuhilfenahme von Ethylalkohol folgte die Versiegelung der Daguerreotypie. Es wurde ein Passepartout aus säurefreiem ungepuffertem Papier geschnitten, dessen Ausschnitt sich am ursprünglichen Ausschnitt (rechteckig mit gebrochenen Ecken) orientiert. Eine Rückpappe (ebenfalls säurefrei und ungepuffert) und eine Glasscheibe vervollständigten die Fassung.
Frank Rüdiger konnte feststellen, dass die restaurierte Daguerreotypie das Bild einer Schützenscheibe wiedergibt, die sich im Geraer Stadtmuseum befindet. Gemalt wurde sie von Theodor Fischer, einem in Gera wohlbekannten, 1862 zum Hofmaler des reußischen Fürstenhauses ernannten Künstlers, der von 1842 bis 1848 ein Studium der Malerei an der Dresdner Kunstakademie absolviert hatte. "Seit etwa 1853 beschäftigt sich Theodor Fischer mit dem neuen Medium Fotografie, das er bis zu Beginn der 1870er Jahre neben der Malerei gewerbsmäßig betreibt." Fischer fertigte die Schützenscheibe "Zur Erinnerung an das im Jahr 1854 gefeierte fünfzigjährige Schützen-Jubiläum der Herren Comerzien-Rath Ferber und Gerbermeister J. Chr. Thalemann. Gera d. 1. Sept. 1854" (Beschriftung auf der Schützenscheibe). "Im Nachlass des Künstlers befindet sich ein Verzeichnis, in welchem der Maler und Fotograf akribisch die von ihm zwischen 1854 und 1863 angefertigten Daguerreotypien, Pannotypien und Fotografien auflistet." Rüdiger konnte feststellen, dass "das Mannschießenbild" nicht weniger als 33 (!!!) mal im Format der 1/4-Platte und 6 mal im Format der 1/3-Platte als Daguerreotypie reproduziert wurde. Es entstanden also 39 Daguerreotypien mit diesem Motiv. Immer wieder wurde von der Photoforschung die Frage gestellt, in welchem Umfang die Technik der Daguerreotypie für die Reproduktion von künstlerischen Arbeiten benutzt wurde. Von den französischen und englischen Stereodaguerreotypien abgesehen, die in größerer Stückzahl renommierte Skulpturen replizierten und diese damit einem breiteren Kundenkreis zugänglich machten, sind nachgewiesene Fälle wie dieser in Gera wohl nahezu unbekannt. Recht einleuchtend ist aber die Motivation der am Scheibenschießen beteiligten Personen, die sich gern einer Erinnerung an diesen Tag versichern wollten.
Eine zweite Daguerreotypie, wahrscheinlich auch von Theodor Fischer aufgenommen, reproduziert das (erhaltene) Bildnis seiner Mutter, welches er 1845 gemalt hatte. Die Daguerreotypie fand sich in seinem Nachlass. "Denkbar ist ..., dass diese Reproduktion aus rein persönlichen Gründen entstand. Nicht ausgeschlossen ist aber auch, dass Fischer hier die qualitativen Möglichkeiten einer fotografischen Wiedergabe von Kunstwerken erforscht hat." Rüdiger weist darauf hin, dass Fischer schon 1854 ein erstes Gemälde mit Hilfe der Daguerreotypie reproduziert hat.

(Wir danken Herrn Frank Rüdiger, dem Stadtarchiv, dem Stadtmuseum und den Kunstsammlungen Gera. Die Zitate stammen aus Rüdigers Aufsatz.)

   
oben: Die Daguerreotypie von ca. 1855 reproduziert seitenverkehrt ein Gemälde Fischers mit dem Bildnis seiner Mutter, das sich heute in den Kunstsammlungen Gera befindet (Abbildung darunter).

darunter: Schützenscheibe, Öl auf Holz, 185,5 x 128 cm, von Fischer gemalt 1856, heute Stadtmuseum Gera.

darunter: Daguerreotypie vor der Restaurierung

darunter: Detail der restaurierten Daguerreotypie

links: Die Daguerreotypie Fischers nach Sichtbarmachung des Bildinhaltes.

   
   
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