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HIER STELLEN WIR MONATLICH
EINE BESONDERE DAGUERREOTYPIE VOR

Richard Beard Studio

Porträt eines Unbekannten
England um 1841-43
Daguerreotypie im originalen Etui, 1/9-Platte
Passepartout aus gegossenem Messing
Privatbesitz Leipzig

In der Rubrik NEWS geht es diesmal um die frühe Zeit der englischen Beard-Studios in London. Parallel dazu möchten wir als Daguerreotypie des Monats ein erstklassig erhaltenes Beispiel aus diesen Jahren vorstellen, das geeignet ist, den Aufbau solcher englischer Photographie-Inkunabeln kennen zu lernen:
Die kleine Daguerreotypie im 1/9-Format besitzt ein typisches
Beard-Etui, das mit weinrotem Leder bezogen ist.
Die Platte ist etwas kleiner (!) als das Passepartout. Dieses besteht aus gegossenem, vergoldetem Messing. Im unteren Bereich sitzt ein erhabener Schriftzug: "BEARD PATENTEE".
Anders als bei späteren Stücken treffen wir hier auf eine besondere Art von Fassung der Daguerreotypie, die durch Thomas Wharton in England entwickelt und am 24. August 1841 zum Patent angemeldet wurde. Es handelt sich um eine Art kleines "Kuchenblech", dessen Rand entsprechend hoch ausgebildet ist, dass man Kupferplatte, Passepartout und Deckglas übereinander bündig abschließend hineinlegen kann. Das "Kuchenblech" besitzt in Größe der Kupferplatte eine rechteckige Vertiefung, die man durch Drücken erzeugt hat. Auf diese etwa 1,2 Millimeter vertiefte Fläche wird die Daguerreotypieplatte gelegt, wodurch sie nicht seitlich verrutschen kann. Dann folgen Passepartout und Glas. Abschließend wird der Blechrand ringsum gleichmäßig angedrückt, weshalb das "Sandwich" fest zusammenhält. Luft kann schwer eindringen, so dass wie in diesem Fall fast keine Sulfidbildung auftrat. Ist das Blech nicht gleichmäßig angedrückt, kann es zu blauschwarzen Verfärbungen kommen.
Auf der Rückseite des "Kuchenblechs" ist das Wappen des Königshauses zu sehen sowie in einem Oval der Hinweis auf das Patent: "T. WHARTON Nr. 791, 24. AUGUST 1841".
Da die Glasscheibe stark verschmutzt war, wurde eine vorsichtige Öffnung und Reinigung vorgenommen. Überraschenderweise kam dabei eine eingeritzte authentische Inschrift zum Vorschein, die sich auf der Rückseite der Kupferplatte befindet: "John".
Frühe Platten aus den Beard-Studios tragen oft eine Notiz. In unserem Fall ist die Inschrift "John" bereits von einem anderem Stück bekannt. Es existiert in einer englischen Privatsammlung eine ebenso frühe Daguerreotypie (1) mit gleichem Schriftzug, auf der das Porträt des Photopioniers JOHN Frederick
Goddard zu sehen ist, der für Beard gearbeitet hat. Man nahm deshalb an, dass sich der Schriftzug "John" auf den Abgebildeten bezog. Nach dem hier vorgestellten Fund wird es aber viel wahrscheinlicher, dass damit der Daguerreotypist gemeint war, also John Frederick Goddard höchstpersönlich.

(1) Robert B. Fisher: The Beard Photographic Franchise in England. In: The Daguerreian Annual 1992, S. 73-95, hier S. 75.

   

oben: Zum Zwecke der Neuversiegelung wurde die Platte aus dem Etui genommen.

mittig: Die Daguerreotypie sitzt in einem tiefgezogenen "Kuchenblech" aus dünnem Messing. In das Blech sind Whartons Patenthinweis und das königliche Wappen eingeprägt.

links: In die Daguerreotypierückseite wurde der Namenszug "John" geritzt.


   
   
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