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HIER STELLEN WIR MONATLICH
EINE BESONDERE DAGUERREOTYPIE VOR

Richard A. Beard (1802–1885)

Porträt eines Mädchens
Daguerreotypie, 1/9-Platte
Passepartout aus Metall
London, ca. 1841-43
Sammlung May und Jochen Voigt

Über die Daguerreotypien aus Richard Beards Studios haben wir bereits mehrmals berichtet. Die heute vorzustellende Aufnahme trägt keine Firmierung und besitzt kein eigenes Etui. Dennoch lässt sie sich als eine sehr frühe Beard-Daguerreotypie identifizieren. In den ersten Monaten der englischen Daguerreotypie waren Beispiele ohne Etui durchaus üblich, aber es könnte auch der Verlust desselben vorliegen. Dies lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen. Interessant ist die Fassung des Stücks. Es sitzt in einem "Kuchenblech" aus gewalztem Messing, wie wir es in ähnlicher Form bereits vorgestellt haben.
In die "Kuchenbleche" der frühen Beard-Daguerreotypien ist gewöhnlich die Firmierung des Birminghamer Fabrikanten Thomas Wharton eingeprägt.
(LINK 1) Dieser hatte am 24. August 1841 ein Patent auf diese Fassungen erhalten.
Aber es gibt auch "Kuchenbleche", die keine Prägung tragen. Sie können aus Messing bestehen (wie in diesem Fall), oder auch aus Kupfer oder aus verzinntem Eisen. Ob sie ebenfalls aus Whartons Fabrik stammen, ist ungeklärt. Wenn ja, dann könnten es Vorläufer der "Patent-Bleche" sein. Ihre Entstehung müsste dann vor dem 24. August 1841 liegen.
In unserem Fall weist die Platte exakt die gleichen Abmessungen auf wie das Innere des "Kuchenblechs". Sie liegt rutschfrei darin und wird von Passepartout und Glasplatte abgedeckt. Eine Versiegelung gibt es in diesem Fall nicht, denn das fest angedrückte Blech sollte die Aufnahme luftdicht verschließen. Die Glasplatte besitzt feine Phasen an den Kanten, was bei englischen Daguerreotypien fast immer der Fall ist.
Dass unsere Daguerreotypie aus Beards Studios kommt, verrät eine geritzte Inschrift auf der Plattenrückseite. Sie ist zwar schwer leserlich, aber eindeutig identisch mit einer Inschrift, die sich auf einem Porträt in der Collection Robert B. Fisher (England) befindet. Diese in einer Wharton-Fassung aufbewahrte Platte trägt auf dem Passepartout Beards Namen. (1)

Ein zeitgenössischer Holzschnitt hat uns das Innere des ersten Beard-Studios in London überliefert. Das Atelier auf dem Dach des Polytechnikums hatte eine runde Form und ein Glasdach. So konnte zu jeder Tageszeit photographiert werden, in dem die Position des Aufnahmestuhls dem Sonnenlauf folgte. Die Graphik gibt interessante Details wider: In der Mitte misst der Operateur mit einer Stoppuhr die Aufnahmezeit. Er steht auf einer kleinen Setztreppe, um die hoch oben positionierten Kameras bedienen zu können. Diese sind so eingerichtet, dass sie dem erhöht sitzenden Kunden "direkt in die Augen schauen". Beard benutzte die Kamera Wolcotts, die ohne Objektiv, aber mit einem Hohlspiegel arbeitete. Man schaute zum Einstellen nicht von hinten in die Kamera, sondern von seitlich vorn hinein in den Spiegel.
Rechts steht ein weiterer Mitarbeiter, der mit einer Polierfeile eine Daguerreotypieplatte bearbeitet. Links betrachtet ein Paar die gerade fertig gewordenen Aufnahmen. Der Graphiker hat mehrere Handlungen simultan in den Raum verlegt, um auf einem Bild möglichst viele Einzelheiten darstellen zu können. Dass sich das Ganze wirklich so abgespielt hat, beweist unter anderem ein Brief der irischen Dichterin Maria Edgeworth, die zu den ersten daguerreotypierten Menschen in England zählt. Am 25. Mai 1841 ließ sie sich in Beards Studio aufnehmen und schrieb: "... It is a wonderful mysterious operation. You are taken from one room into another to stairs and down and you see various people whispering and hear them in neighbouring passages and rooms unseen and the whole apparatus and stool on high platform under a glass dome gasting a snapdragon blue light making all look like spectres and the men in black gliding about like &c." (2)

Weitere Seiten zu Beards Studio:
(LINK 2) (LINK 3)

(1) Robert B. Fisher: The Beard Photographic Franchise in England. In: The Daguerreian Annual 1992, S. 73-95, hier S. 79.
(2) Brief an Mrs. Fanny Wilson (MS. Eng. lett. C 710, fols. 1-2. Bodleian Library, Oxford).

   
oben: Daguerreotypie aus einem der Beard-Studios, um 1841-43. Vorder- und Rückseite. Die Daguerreotypie liegt in einem kleinen "Kuchenblech" aus Messing, dessen hochgestellte Ränder leicht auf das Glas umgebogen sind.

darunter: Eingeritzte Inschrift auf der Rückseite der Daguerreotypieplatte, die von einem der Operateure Beards stammt.








links: Darstellung des Beard-Studios auf dem Dach des Königlichen Polytechnikums in London, Holzschnitt von George Cruishank 1842. Das Bild war die Illustration zu einem Poem über die "Neue Schule der Bildnismalerei" von S. L. Blanchard.


   
   
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