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HIER STELLEN WIR MONATLICH
EINE BESONDERE DAGUERREOTYPIE VOR

Andreas Groll (30.11.1812–20.3.1872)

Porträt Johann Baptist Jenger
1/6-Platte mit originaler Montierung und Rahmen
Wien, 10. Juli 1842
Sammlung May und Jochen Voigt

Einen vielleicht sensationellen Fund stellt diese frühe Daguerreotypie aus Wien dar, die den dort wirkenden Hofkriegskanzlisten und Klaviervirtuosen Johann Baptist Jenger (1792-1856) porträtiert. Jenger, der aus Kirchhofen im Breisgau stammte, widmete alle seine freie Zeit der Förderung zeitgenössischen Musiklebens in Österreich. Er war Sekretär des Steiermärkischen Musikvereins und Mitglied des Vorstandes der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
Da der österreichische Feldmarschall Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg ein Spielkamerad von Jengers Vater gewesen und diesem auch später verbunden war, hat er sich 1813 (die Völkerschlacht bei Leipzig, in der Fürst Schwarzenberg eine entscheidente Führungsrolle spielte, war gerade geschlagen) für den erst 21jährigen, arbeitslosen Jenger verwendet und ihn in sein Heer aufgenommen. Durch des Fürsten Förderung konnte Jenger eine Beamtenlaufbahn im Kriegsministerium einschlagen, die ihn zuerst nach Graz, später nach Wien führen sollte. Sein Interesse für zeitgenössische Musik ließ ihn schnell Anschluss in Graz finden. Noch in dieser Grazer Zeit beim Generalkommando für Innerösterreich hatte der junge Jenger den noch jüngeren Franz Schubert (1797-1828) bei einem Aufenthalt in Wien kennengelernt und sich mit diesem angefreundet. Jenger sollte sich im Verlauf der nächsten Jahre als eifriger Förderer des Komponisten erweisen. Nach Schuberts frühem Tod 1828 pflegte Jenger dessen Grabstätte. Er organisierte das Requiem für Schubert in der Wiener Augustinerkirche und veranstaltete eine Subskription zur Finanzierung dessen Grabsteins.
Ein Aquarell Josef Eduard Teltschers aus dem Jahr 1827 zeigt Jenger gemeinsam mit Anselm Hüttenbrenner (1794-1868, Komponist und seit 1824 Direktor des Grazer Konservatoriums) und Franz Schubert in inniger Verbundenheit.
Unseres Wissens war bislang kein photographisches Porträt Jengers bekannt; unsere Daguerreotypie dürfte das erste (und vielleicht einzige) Photo von ihm sein.
Die Daguerreotypie wurde in einen zeitgenössischen Rahmen montiert, dessen Rückpapier einen handschriftlichen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Vermerk trägt: "Johann Babt. (sic!) Jenger, K`hofen"(mit letzterer Abkürzung ist Kirchhofen gemeint).
Auf der Rückseite der Daguerreotypie befindet sich ein Zettel, auf dem sich Andreas Groll als Hersteller der Daguerreotypie ausweist. Die Inschrift scheint von ihm selbst zu stammen, denn er notierte sogar die Dauer der Belichtung mit "20 Sekunten" und das Aufnahmedatum "10 July 1842". Groll begann 1845 als Gehilfe, später als Laborant am k.k. Polytechnischen Institut in Wien, an dem auch der bedeutende Photographiepionier Anton Martin tätig war. Hier frönte Groll seiner Leidenschaft als Amateurdaguerreotypist. 1852 musste Groll das Institut verlassen, worauf er die kommenden 20 Jahre als selbstständiger Photograph tätig war. In den 1850er und 1860er Jahren gilt er als bedeutendster Architekturphotograph Österreichs. Bislang vermutete man, Groll habe 1843 mit ersten Versuchen zur Daguerreotypie begonnen. Unsere Aufnahme beweist nun deutlich, dass man Grolls Aktivitäten mindestens schon in das Jahr 1842 vorverlegen muss.
   

Ganz oben: Porträt Johann Baptist Jenger. Etwas flau, aber trotzdem sehr deutlich, liegt die frühe Aufnahme unter dem weißen Passepartout. Da die Verklebung an den Rändern etwas undicht war, ließ sich erkennen, dass es sich nicht um eine runde Voigtländer-Platte, sondern um eine rechteckige Platte handelt.

Mitte: Drei Freunde (Johann Baptist Jenger, Anselm Hüttenbrenner und Franz Schubert), aquarelliert von dem in Prag geborenen Maler Josef Eduard Teltscher (1801-1837).

Links: Authentischer Klebezettel mit Grolls Angaben auf der Daguerreotypie-Rückseite.

   
   
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