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HIER STELLEN WIR MONATLICH
EINE BESONDERE DAGUERREOTYPIE VOR

Unbekannter Daguerreotypist

Eine Familie im Garten
Zwei 1/9-Platten im originalen Etui
England, um 1842
Sammlung May und Jochen Voigt


Betrachtet man photographische Porträts aus der Frühzeit der Daguerreotypie, fällt bei aller künstlerischen Individualität eine gewisse Formelhaftigkeit in den Posen der Abgelichteten auf. Dies ist freilich kein Wunder, hatte sich doch ein fester Topos durch die jahrhundertealte Bildnismalerei herausgeprägt. Wollte der Mensch ein Daguerresches Porträt seiner selbst, so saß er in Würde und mit entsprechendem Ernst vor der Kamera. Der Preis für ein Bildnis in diesen Tagen war hoch und erlaubte wohl keine Experimente. Nur im privaten Bereich waren lockere Abweichungen denkbar. Allerdings verfügten die Menschen privat nicht über eine Kamera, ausser denen, die selbst Daguerreotypist waren. Vielleicht sollte man deshalb in einem solchen Umfeld die Entstehung der beiden hier vorzustellenden Daguerreotypien vermuten.
Ein besonderer Reiz dieser in England gemachten Aufnahmen besteht auch in ihrer Verschiedenheit, die wahrscheinlich einer Dramaturgie geschuldet ist. Links hält ein Vater zwei Kinder fest in den Armen und blickt direkt in die Kamera. Das linke Kind schreit oder lacht und scheint sich entwinden zu wollen, wodurch ein besonderes Moment von Spontanität entsteht. Rechts sind es drei Personen in strenger Profilansicht, die gewissermaßen hinüber zum Vater schauen: die Mutter mit einem dritten Kind – einem Mädchen in blau koloriertem Kleid – und stehend eine ältere Frau, sehr wahrscheinlich die Großmutter der drei Sprösslinge. Zumindest diese Daguerreotypie wurde im Freien aufgenommen, denn hinter den Porträtierten ist trotz erheblicher Überlagerung mit Anlauffarben das Blattwerk eines Baumes oder Gebüsches deutlich sichtbar.
Das Sextett steckt in einem frühen Doppeletui, das mit zeittypisch rotem Maroquinleder bezogen ist. Abgedeckt sind die Daguerreotypien mit originalen, leicht gewölbten und sehr dünnen Deckgläsern. Ein Großteil der ursprünglichen Versiegelung aus Darmhaut (wie man sie in den Kindertagen der Daguerreotypie verwendete) ist noch vorhanden und gut erhalten.
Archaik und Unschärfen der Aufnahmen sowie die Art der Fassung verweisen auf die Zeit um 1842.

   
Ganz oben: Der Vater mit seinen quirrligen Kindern.

Mitte: In schöner Höhenstaffelung – Großmutter, Mutter und Enkelin.

















Links: Detail der rechten Aufnahme. Die malerisch anmutende Unschärfe ist bei solch frühen Daguerreotypien, die mit der Wolcott-Kamera gemacht wurden, durchaus normal.

   
   
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