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ÜBERSICHT RESTAURIERUNG

Restaurierung und Konservierung von Daguerreotypien FALLBEISPIEL 2

Unbekannter Daguerreotypist
Darstellung eines Chemielabores
Stereo-Daguerreotypie
vermutlich England, ca. 1851-55

Eigentümer/Auftraggeber der Restaurierung:
Universität Regensburg


Die vorliegende Daguerreotypie stellt ein Beispiel aus dem Bereich „Genredarstellung“ dar und dokumentiert vermutlich kein tatsächlich existierendes Labor, sondern bildet einen stillebenhaften Aufbau ab. Nach dem Auseinandernehmen der Daguerreotypie im Labor konnten von den Bildern stark vergrößernde Scans gefertigt werden, die auf den wenigen leserlichen Etiketten der abgelichteten Laborbehältnisse englische Inschriften zeigen (POTTASH, OIL etc.).
Wir restaurierten bereits eine größere Zahl von Stereo-Daguerreotypien. Erstaunlich ist die Bandbreite der damals verwendeten Fassungen, kein Fall glich dem anderen.

SCHADENSBILDER IM ÜBERBLCK

Wasserschaden: von unten aufsteigende Nässe, nach und nach Ablösung der von innen auf die Glasscheibe aufgebrachten schwarzen Lackierung / biologischer Abbau des zur Verklebung benutzten Glutinleimes / dadurch Lockerung der rechten Dagerreotypieplatte und Verrutschen aus der ursprünglichen Position / duch Feuchtigkeitseinwirkung Ausblühung von Kupfersalzen auf der linken Daguerreotypieplatte / Bildung eines schleierartigen Niederschlages auf der Innenseite der Glasscheibe / Bildung matter Korrossionsstellen am Glas durch unmittelbaren Kontakt mit den Ausblühungen der Kupferplatte / Quellen der Papprückwand, dadurch kreuzweises Zerreißen des Rückpapiers / Entfärbung des Rückpapiers durch Staunässe.

DAS DECKGLAS

Ein großes Problem bei den von innen mit Farbe beschichteten Glasscheiben ist die mangelnde Haftung der Farbe am Glas. Es gibt die vielfältigsten Ursachen für ein partielles Ablösen der Bemalung, aber in diesem Fall kam der wohl über längere Zeit einwirkende Faktor „Wasser“ hinzu. Die Feuchtigkeit drang durch das feine Krakelee der Farbe unter die Schicht und sprengte sie ab. Einige Partikel rutschten auf die Daguerreotypieplatten und bildeten dort eine permanente Gefahr des Zerkratzens der empfindlichen Bildschicht. Nach Abnahme des Deckglases zeigte sich, dass weite Areale der schwarzen Farbe vollkommen abgelöst waren, einige wenige aber noch fest hafteten. Nachdem festgestellt wurde, dass die Scheibe nicht von Glaszerfall betroffen ist, fiel die Entscheidung trotz des extrem desolaten Zustandes der Bemalung auf den Erhalt des originalen Deckglases. Der Sicherung originaler Substanz kommt größte Priorität zu. Da die historischen Glasscheiben mit ihren kleinen Imperfektionen (Bläschen, Kratzer, blinde Pünktchen) wesentlich zur Ausstrahlung einer Daguerreotypie beitragen, sollte ihr Erhalt jeweils gründlich angewogen werden.
Es wurde analysiert, dass die innere Begrenzung des Bildausschnittes offenbar mit einer anderen, viel besser haftenden Farbe ausgeführt worden war, als der Rest. Hier brauchte deshalb nur wenig retuschiert werden. Auf den übrigen Arealen mussten die nur noch teilweise haftenden Farbrester zunächst mechanisch reduziert und anschließend die Fläche neu mit schwarzer Farbe übergangen werden. Analog der historischen Hinterglasmalerei wurde Künstlerölfarbe verwendet, obwohl diese relativ langsam trocknet.

DIE PAPIERNE HÜLLE

Ein nicht ungewöhnliches Problem stellt die Beschädigung der Papiersubstanz dar, mit der die Stereodaguerreotypie „eingepackt“ wurde. Ein Teil der originalen Versiegelung fehlt, mit der das Eindringen von Luft verhindert werden soll. Wassereinwirkung führte zum Verfärben des Papiers und zum Quellen der Rückpappe. Da diese (bedingt durch ihre Dicke) stärker quoll als das Papier, musste letzteres reißen.

DIE PLATTEN

Laut Stempel der rechten Platte handelt es sich um ein Fabrikat des französischen Silberwarenfabrikanten Charles Christofle, der seine Erzeugnisse nach ganz Europa und auch in die USA exportierte. Interessant ist der Umstand, dass beide Platten unterschiedliche Formate aufweisen. Die linke Platte ist etwas breiter. Da die Platten galvanisch versilbert wurden, weisen auch die Rückseiten eine (rauhe, weil nicht polierte) Silberschicht auf.

DIE BEFESTIGUNGSSTREIFEN

Mit Hife von Papierstreifen wurden die beiden Platten bei der Herstellung direkt auf der geschwärzten Glasscheibe fixiert. Der Klebstoff (Glutinleim) haftete an den Silberplatten schlecht. Durch den Kupfergehalt kam es zu grünen Verfärbungen. Dort wo das Papier auf dem Glas klebte, wurde die schwarze Farbe abgerissen, denn der Kleber haftete offenbar besser an der schwarzen Lackierung als diese am Glas.

NEUE FIXIERUNG DER PLATTEN

Die gespülten und gut getrockneten Platten sollten keinesfalls mit den originalen Papierstreifen wieder an der neu lackierten Scheibe festgeklebt werden, weil ein erneutes Absprengen der Farbe zu befürchten war. Es wurde ein säurefreies, alterungsbeständiges Papier (80 g/qm) mit zwei Öffnungen zugeschnitten und die Platten darauf mit Papierband befestigt. Dadurch erhalten die Platten auch einen gewissen Abstand zum Glas.
Die historischen Papierstreifen wurden lose eingelegt und die Daguerreotypie wieder verschlossen. Somit bleiben alle Originalteile erhalten.

VERSCHLIESSEN DER DAGUERREOTYPIE

Das an den Rändern von vielen Fehlstellen und Rissen gekennzeichnete Rückpapier wurde mit dünnem Ergänzungspapier hinterklebt und dann wieder auf die Glasscheibe umgeschlagen. Zur Befestigung wurde Hasenhautleim benutzt. Ergänzte Stellen und durch Feuchtigkeit entfärbte Bereiche wurden mit Künstlerölfarbe eingetönt. Nach der Fertigstellung ist nur schwer erkennbar, in welch ruinösem Zustand sich das Objekt befunden hatte. Trotzdem blieben Alterungsspuren erhalten, so dass der Eindruck von „schön neu“ nicht aufkommen kann.


   

   
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