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ÜBERSICHT RESTAURIERUNG

Restaurierung und Konservierung von Daguerreotypien FALLBEISPIEL 1

Bertha Wehnert-Beckmann (1815-1901)
Porträt einer unbekannten Frau
Abmessungen: 1/4-Platte
Leipzig. 1850er Jahre
Eigentümer/Auftraggeber der Restaurierung: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Inventarnummer: F/2728/2003

In ein malerisches Kleid mit reichen Falten und Spitzenbesatz gekleidet, erscheint eine hagere Frau, deren mit Korkenzieherlocken versehene Frisur in seltsamem Kontrast zum knorrigen Gesicht und zum wahrscheinlich zahnlosen Mund steht. Die Unbekannte sitzt in nachdenklicher Pose auf einem Stuhl, der uns durch Kenntnis der Innenansicht des Ateliers Wehnert-Beckmann bestens vertraut ist.
Bertha Wehnert-Beckmann positionierte ihre weiblichen Modelle gern mit aufgestütztem Kopf, was die Kopfstütze (von zeitgenössischen Kritikern gern als Marterinstrument karikiert) entbehrlich machte.

Schadensbild
Als im Jahr 2003 die Vorbereitungen für das Buchprojekt "Der gefrorene Augenblick. Daguerreotypie in Sachsen 1839-1860" liefen, wurde einem großen Karton mit ungefassten Daguerreotypieplatten im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Die einzelnen Platten, nahezu alle im Viertelformat, lagen seit Jahrzehnten ohne Verglasung und ließen kaum noch etwas oder gar nichts mehr von ihren Motiven erkennen. So war auch das Wissen um die Herkunft der Platten verloren gegangen. Zwar waren die Platten inzwischen in Schutzhüllen gebracht worden, doch hatte die frühere lose Aufbewahrung zu Schleif- und Kratzspuren geführt.
Die hier gezeigte Platte wurde ausgewählt, um als Testobjekt der weiteren Entscheidungsfindung zu dienen

Konservierung/Restaurierung
Zunächst wurde die Platte gründlich mit Alkohol und destilliertem Wasser gespült, um fettige Ablagerungen und Klebepapierreste zu entfernen.
In einer wässrigen Lösung von Ammoniumhydroxid wurde die Daguerreotypie nach der Methode von Susan M. Barger mit Hilfe des sogenannten electrocleaning-Verfahrens (Elektrode aus Silber) von den Sulfidablagerungen befreit. Das Ergebnis sprach für sich. Die mechanischen Schäden (Kratzer, Wischer) können grundsätzlich nicht rückgängig gemacht werden, aber die Bildaussage kehrte vollständig zurück.
Auf diese Weise konnten 13 weitere Daguerreotypien aus dem Atelier Wehnert-Beckmann erfolgreich bearbeitet werden. Unter ihnen befand sich sogar eine Ansicht des Ateliers mit zahlreichen Requisiten, die viele Jahre unter der dunklen Anlaufschicht verborgen lag. Interessant war, dass 13 von 14 Platten einen Schlagstempel "Fr. Schneider, Linkstr. 9, Berlin" trugen (Bild unten) und auf ihren Längsseiten mit einem Plattenkrümmer bearbeitet wurden.
Von der Nachbildung historischer Passepartouts wurde Abstand genommen und statt dessen für jede Daguerreotypie ein neutrales Passepartout aus säurefreiem, ungepuffertem Karton (chremeweiß) geschnitten. Aus dem gleichen Material (jedoch stärker) wurde jeweils eine Rückpappe gefertigt, die außen ein Inventaretikett erhielt. Die Befestigung der Kupferplatte auf dem Passepartoutkarton erfolgte mit Archivklebeband P 90, das auch zur Versiegelung diente.
Der jeweilige Passepartoutausschnitt orientierte sich an den vorgefundenen Spuren, stellt also keine Eigeninterpretation dar.


   

   
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