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SCHADENSBILDER

Schadensbilder an Daguerreotypieplatten können sehr unterschiedlich ausfallen. Einige der häufigsten haben wir ausgewählt.

Für den Sammler von Daguerreotypien ist es wichtig zu wissen, dass sich nur wenige der Schäden beheben lassen und im Zweifelsfall eher Abstand vom Erwerb einer beschädigten Daguerreotypie genommen werden sollte. Das fachgerechte Öffnen, Restaurieren und Verschließen einer Daguerreotypie sollte nur der Fachmann vornehmen.

Selbstverständlich sind beschädigte Daguerreotypien in leichteren Fällen immer noch sehenswert. Nicht zuletzt spielt auch die historische Relevanz des einzelnen Stücks eine Rolle. Diese Bedeutung kann sich auf den familiären Bereich, aber natürlich auch auf ein übergeordnetes, kunsthistorisch oder regional- bzw. landesgeschichtlich relevantes Feld erstrecken.

Häufig treten so genannte "Wischer" auf (Bild ganz oben), die beim Abwischen der Bildplatte mit einem Tuch entstanden. In guter Absicht wurde versucht, das verstaubte Bild reinigen, nachdem es kein schützendes Glas mehr besaß. Durch Bruch der Scheibe kam dies öferts vor. Hausfrauen, Buchbinder und Rahmenverkäufer haben früher einen großen Anteil an diesem Schadensbild gehabt. Rückgängig machen lässt sich ein Wischer nicht!

War die Daguerreotypie bis zur Unkenntlichkeit angelaufen, konnte es vorkommen, dass ein Unkundiger mit dem Silberputztuch Abhilfe zu schaffen suchte (Abb. rechts). In einem solchen Fall ist keine Rettung mehr möglich. Das hauchdünne Bild auf der versilberten Kupferplatte erscheint regelrecht "weggeputzt", verschwindet also auf mechanische Weise.

Häufig überlagern sich mehrere Schäden, wie an dieser 1/4-Platte deutlich zu sehen. Dunkelblaue Anlauffarben - entstanden durch die Einwirkung schwefelhaltiger Luft – mischen sich mit großflächig verteilten Fingerabdrücken und bizarren Verfleckungen, die wohl durch Einwirkung aufgetropfter Substanzen unbekannter Herkunft entstanden.
Solche Schadensbilder trifft man bei Daguerreotypien an, die viele Jahre ohne Deckglas zugebracht haben.
Trotz Deckglas kann eine Daguerreotypie bleibende Schäden erleiden. Jeder mit der Materie Vertraute kennt das Erscheinungsbild: kleine Tröpfchen haben sich auf der Innenseite des Schutzglases abgesetzt und bilden allein oder gemeinsam mit Schmutzpartikeln einen milchigen, nebligen Schleier über dem Bild.
Manchmal sind die Tröpfchen winzig klein - dann fühlt man sich an niedergeschlagenen Wasserdampf erinnert. Manchmal sind die Tröpfchen größer und hängen wie winzige Perlen am Glas. Dann wirken sie fast wie Öltropfen. Der Restaurator spricht vom "Weinen" der Gläser.
Berührt man die Tropfen mit dem Finger, hat man das Gefühl, eine ölige Flüssigkeit zu verwischen. Hände waschen! Die Ursache für die so genannte "Glaskrankheit" ist ein zu hohen Alkaligehalt der Gläser. Verursacht hat ihn der damalige Glasmacher. Um Glas besser bearbeitbar, also besser schleif- oder polierbar, zu machen, erhöhten die Glasmacher nicht selten das Mischungsverhältnis zwischen Kieselsäure (Quarzsand) und Alkalien (Natron, Kali) zugunsten der letzteren.
Man kennt die Glaskrankheit vor allem von kunsthandwerklichen Gegenständen, z.B. Ziergläsern oder mittelalterlichen Kirchenfenstern.
Es ist heute bekannt, dass Essigsäure und Formaldehyd das Voranschreiten der Glaskrankheit begünstigen. Glasvitrinen, die mit essigvernetzendem Silikon verklebt sind oder Schränke, die aus Spanplatten bestehen, sollten deshalb nicht der Daueraufbewahrung von Daguerrreotypien dienen.
Obwohl alle Komponenten einer Daguerreotypie (damit auch das Deckglas) in ihrer Summe das "Original" ausmachen, bleibt angesichts der Gefährlichkeit des Glaszerfalls nur das Wechseln der Scheibe übrig. Erstens ist der Bildeindruck nachhaltig gestört und zweitens (was schwerer wiegt) drohen die Alkalitröpfchen die eigentlich Daguerreotypie zu beschädigen.
Schwierig bis unmöglich wird es allerdings, wenn die Glasscheibe gleichzeitig als Passepartout fungiert, wie bei der nebenstehenden Daguerreotypie aus Frankreich. Hier wurde eine Passepartourierung von hinten mit schwarzer Farbe auf das Glas aufgemalt. Entfernt man die Scheibe, entfernt man das Passepartout.
Berühren die Tropfen das Bild und wirken längere Zeit auf die versilberte Kupferplatte ein, kommt es zu irreversiblen Schäden. Eigenartige, verästelte oder fleckenförmige matte Stellen (engl. mold spiders) sind das Ergebnis. Noch schlimmer sind punktförmige Korrossionsschäden, bei denen regelrechte Pustel aus kupferhaltigen, grün gefärbten Salzen aus der Platte ausblühen können (Bild rechts). Sprengt man eine solche Kristallausblühung (beispielsweise mit der spitze eines Skalpells) ab, kommt ein regelrechtes Loch zum Vorschein.

In zahlreichen (auch renommierten) Sammlungen schlummern Daguerreotypien mit fortgeschrittener Glaskrankheit vor sich hin, ohne dass davon Notiz genommen wird.

Glücklicherweise erlebt man beim Abnehmen der befallenen, manchmal schon richtig blind gewordenen, Scheibe auch kleine Wunder: Die Daguerreotypie ist vollkommen unberührt, weil die Größe der Tröpfchen und der Abstand zwischen Scheibe und Kupferplatte in einem günstigen Verhältnis standen.
Daguerreotypien leben von ihrer Schärfe und vom Detailreichtum der Grauwerte. Längst betrachtet man die schwarzblauen Anlauffarben als Teil der Geschichte und als Patina. Zu einer Entfernung wird sich nur entschlossen, wenn vom Bild nichts oder fast nichts mehr zu sehen ist.

Ästhetisch störend sind allerdings tiefe Kratzer auf der Glasscheibe, wie sie leider manchmal vorkommen. Wenn auch das daguerresche Bild selbst nicht beschädigt wurde, so leidet doch die Gesamtausstrahlung des historischen Objektes "Daguerreotypie" enorm. Hier ist von Fall zu Fall zu entscheiden, ob man sich zum Wechseln der Glasscheibe durchringen soll. Kleine Kratzerchen sind hingegen völlig normal.
Einen irreversiblen Schaden stellen Kratzer direkt auf der Platte dar. Sie können durch verschiedene Einflüsse entstehen. Am häufigsten werden Kratzer durch das Fehlen des Schutzglases verursacht. Schmutzpartikel und Sandkörnchen schmirgeln auf der höchst empfindlichen Oberfläche. Manchmal liegen mehrere ungeschützte Daguerreotypien in einem Karton und rutschen aufeinander herum.
Haftet eine Daguerreotypie nicht mehr fest hinter dem Passepartout, kann sie hin und her gleiten. Diese Bewegung kann sehr schnell zu Kratzern im Randbereich des Bildes führen. Besonders häufig kommt das bei Daguerreotypien vor, die ein Metallpassepartout tragen. Die scharfkantigen Ränder des Ausschnittes kratzen auf der Silberschicht.
Aber auch beim Öffnen einer Daguerreotypie kann die geringste Bewegung der Platte Kratzer verursachen, die sich dann hellsilbern auf der dunkleren Daguerreotypie abzeichnen. Hier sind Erfahrung und eine ruhige Hand gefragt.
Aus dem Bereich der Miniaturmalerei wurden Rahmen wie dieser für Daguerreotypien übernommen. Hier sorgt eine gewölbte Glasscheibe dafür, dass die Daguerreotypie nicht unmittelbar mit dem Glas in Berührung tritt, was sich im Fall der Glaskrankheit böse auswirken könnte.
Nach dem Öffenen der oben gezeigten Daguerreotypie erwies sich die Bildplatte als fast unbschädigt unter dem blinden Glas. Allerdings kann man bei diesem Beispiel gut nachvollziehen, dass auch die Inhaltsstoffe des Holzes Einfluss auf die Silberschicht haben können. Im Bereich der Berührung von Holz und Platte ist das Silber stark angelaufen.
Auf Anlauffarben wurde schon mehrfach verwiesen und daran erinnert, dass oft nur das vollständige Veschwinden des Bildes zum Handeln zwingt. Ein drastisches Beispiel ist diese Daguerreotypie. Das Porträt des Mannes ist nur noch zu erahnen, da es unter einer stahlblauen Anlaufschicht verborgen liegt.
In einem Fall wie diesem scheint uns die Reduzierung der Anlauffarben gerechtfertigt. Nicht immer wirkt das Ergebnis so zufriedenstellend wie hier.
Mit dem "Wiedererscheinen" des Motivs wurde an einigen Indizien klar, dass es sich um eine Arbeit der Leipziger Daguerreotypistin Bertha Wehnert-Beckmann handelt. Ein echter Zugewinn.
Undichte Verklebungen von Daguerreotypien öffnen nicht nur den schwefelhaltigen Bestandteilen der Luft Tür und Tor, sondern begünstigen auch das Eindringen von Staub. Oft ist er dann mit der Oberfläche des Bildes verbacken, dass nur gründliches Spülen mit angewärmtem destillierten Wasser Abhilfe schafft.

Wie dieses Beispiel deutlich macht, kann Staub zu einer enormen ästhetischen Beeinträchtigung führen und die Ausstrahlung des Bildes gravierend stören.

Das Ergebnis der Reinigung spricht für sich.

Auch dieses bezaubernde Bild eines Mädchens, aufgenommen von der Leipziger Daguerreotypistin Bertha Wehnert-Beckmann, zeigte sich vor der konservatorischen Behandlung sehr stark mit Schmutzpartikeln übersäht, die durch die mehrfach eingerissene Papierdichtung eindringen konnten.
Wer unsicher ist, ob sich Fehler auf der Platte oder nur an der Unterseite des Glases haften, sollte an den Spiegeleffekt denken. Wenn Fehler doppelt, also gespiegelt, erscheinen, muss sich der Schmutz auf der Glasscheibe befinden.
Das Dichtungspapier der Daguerreotypie war ringsum ab- und eingerissen, was auf mechanische Einwirkung und auf die Alterung des Papieres zurück zu führen ist.
Um kein Krümel des zwar desolaten, aber immerhin originalen Versiegelungspapieres zu verlieren, wird es nach dem vorsichten Ablösen vom Deckglas mit dünnen säurefreien Papierstreifen hinterklebt. Dann wird es wieder auf der Scheibe befestigt, so dass keine Luft mehr eindringen kann.
Manchmal trifft man auf Daguerreotypien, bei denen ein eigenartiger dunkler Streifen mitten durchs Bild führt. Diese Erscheinung verweist darauf, dass früher die Glasscheibe zu Bruch ging und längere Zeit Luft entlang der Bruchlinie eindringen konnte. An dieser Stelle wurde das Silber geschwärzt.

Das gezeigte Beispiel macht die Auswirkung deutlich. Die Glasscheibe war in der unteren linken Bildecke gebrochen und als Teilstück herausgefallen. Dort färbte sich das Silber dunkel. Entlang des Risses in der verbliebenen Glasscheibe zog sich die Verschwärzung bis zur rechten oberen Bildecke.
Bei dieser Platte trifft man auf mehrere der hier besprochenen Schäden: ein zersprungenes Glas verursachte die dunkle Diagonale; am oberen rechten Bildrand befindet sich ein "Wischer"; in der Mitte des Bildes hat die Glaskrankheit zur Ausbildung grüner Salzkristalle geführt.
Die dunkle Anlauflinie sollte nicht chemisch oder elektrochemisch entfernt werden, weil die Gefahr einer misslungenen Restaurierung in keinem Verhältnis zum Gewinn steht. Daguerreotypien sind aufgrund des in den 1840er und 1850er Jahren oft "experimentellen" Entstehungsprozesses unter Verwendung von Chemikalienkombinationen, die man nicht im konkreten Fall kennen kann, "unsichere Kandidaten". Ein solcher Eingriff sollte also immer das letzte Mittel sein.
Ein sehr seltenes Schadensbild dokumentiert diese Aufnahme. Eine bereits benutzte Platte wurde vom Daguerreotypisten gereinigt und galvanisch erneut mit Silber beschichtet. Die hauchdünne Schicht haftete allerdings nur oberflächlich, weil vermutlich fettige Substanzen eine Trennschicht bildeten. Tatsächlich entstand nach der Belichtung und Entwicklung auch ein Bild. Aber schon das blose Einlegen der Platte in Wasser ließ die kaum haftende Bildschicht abgängig werden.

   
   
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