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ETUIS UND RAHMEN

Schmuck und Schutz

Die gegen Stoß sehr empfindlichen Daguerreotypien wurden entweder in dafür speziell hergestellte Etuis gebracht oder in Rahmen befestigt, so dass man sie an die Wand hängen konnte. Selbstverständlich gibt es auch Zwischenlösungen, doch ist die Vielfalt der verwendeten Fassungen so groß, dass selbst Spezialisten kaum einen Gesamtüberblick haben und wir im Rahmen unserer website nur einen winzigen Einblick geben können.
Etuis und Rahmen erfüllen neben ihrer Schutzfunktion selbstverständlich auch repräsentative, also Schmuckfunktion. Je größer und aufwändiger eine Fassung erscheint, desto wohlhabender war der Besitzer. Das war schon im Zeitalter des ausschließlich gemalten Porträts so und das ändert sich in der Daguerreotypie-Ära zunächst nicht.
Ein Etui, gleich wo es hergestellt wurde, besitzt im Deckel ein gefüttertes Kissen (im Englischen "Pad"), das die empfindliche Glasscheibe schützen soll. Dies ist besonders wichtig, wenn die Glasscheibe zur Gewichtsminimierung sehr dünn ausfiel. Aber es gibt auch Scheiben bis zu 4 mm Dicke, bei denen die Bruchgefahr freilich viel geringer ist.
Die kleinen Kissen wurde mit Samt, Seide oder anderem Stoff überzogen, auf oder in dem Muster oder die Firmierung des Daguerreotypisten erscheinen konnten.
Die beiden Etuihälften sind mit Leder- oder Metallscharnieren verbunden. Lederscharniere sind oft beschädigt. HÄNDE WEG von Selbstklebebändern und PVA-Leim!
Etuis können durch ihre Machart auf das Herstellungsland der Daguerreotypie verweisen, müssen es aber nicht. Vor allem ist zu bedenken, dass Etuis importiert und exportiert wurden. Bei einer groben Orientierung stellen das Aussehen und die Fertigungstechnik eines Etuis aber in jedem Fall eine Hilfe dar.


Während für das obere (amerikanische) Etui ein mit Samt bezogenes Pad verwendet wurde, trägt das untere (amerikanische) Etui ein Seidenpad. Aufwändig ornamentierte Samtpads in rot, grün und blau dominieren in den 1850er Jahren, schlichte Seidenpads in karminrot, violett oder grün in den 1840er Jahren. Freilich gibt es immer auch die berühmten Ausnahmen! So kommt an frühen amerikanischen Etuis auch manchmal Samt vor, dann aber sehr sparsam ornamentiert (beliebt war beispielsweise ein einzelnes, stilisiertes Ahornblatt).

Amerikanisches Etui, frühe 1840er Jahre
1/6-Platte
Die ersten Etuis waren sehr schlicht gehalten, die Rückseiten oftmals vollkommen glatt.
Rückseite eines amerikanischen Etuis, frühe 1840er Jahre, 1/4-Platte
Man muss vorsichtig bei der Datierung sein, denn es gibt auch noch um 1850 solche glatte Rückseiten, allerdings wird dann die Vorderseite reich ornamentiert sein. Problematisch wird es nur, wenn der Deckel fehlt.
Amerikanisches Etui, 1. Hälfte 1840er Jahre
1/6-Platte
Dieses Motiv mit der Lyra im Zentrum wurde vielfach abgewandelt und von verschiedenen Manufakturen angeboten.
Amerikanisches Etui, frühe 1840er Jahre
1/6-Platte
Erste Exemplare diesen Typs sind bereits im Jahr 1840 nachweisbar.
Amerikanisches Etui, Anfang der 1840er Jahre
1/6-Platte
John Plumbe jr. stellte diesen Typ seit 1841 her, bei dem eine üppig mit Blumen gefüllte Vase im Mittelpunkt der Darstellung steht. Um 1845 sind diese Etuis aber wieder verschwunden.
Amerikanisches Etui, um 1845
1/6-Platte
Ein frühes Beispiel für die Verwendung von Blattgold, das mit buchbinderischen Techniken verarbeitet wird.
Amerikanisches Etui, 1850er Jahre
1/6-Platte
Typisch für Etuis der so genannten Philadelphia-Form waren unterschiedliche Vorder- und Rückseiten, wobei die Rückseite ein geometrisch verschlungenes, fast orientalisch anmutendes Muster zeigt.
Rückseite des darüber gezeigten Etuis.
Amerikanisches Etui, 1850er Jahre
1/6-Platte
Je weiter die 1850er Jahre voranschreiten, desto kräftiger (tiefer geprägt) wird die Ornamentierung. Dies stimmt zwar nicht immer, ist aber eine gute Richtschnur bei der Datierung.
Amerikanisches Etui, 1850er Jahre
1/6-Platte
Schon seit Mitte der 1840er Jahre werden gern blattvergoldete Bordüren zur Schmückung verwendet, doch nimmt ihr Vorkommen in den 1850ern rapide zu.
Amerikanisches Union-Case aus der Manufaktur von Scovills, Ende der 1850er Jahre
1/9-Platte
Samuel Peck aus New Haven gilt als Erfinder einer aus Holzstaub, Schellack und Farbstoffen bestehenden thermoplastischen Pressmasse, aus der die so genannten Union-Cases hergestellt wurden. Diese amerikanische Spezialität wurde Ende der 1850 Jahre auch in England produziert, wenn auch in ganz geringem Ausmaß.
Peck hatte sich zu Beginn der 1850er Jahre mit der Plattenmanufaktur der Gebrüder Scovill verbunden, verließ die Gemeinschaft aber 1857 wieder. Scovills setzten die Produktion ohne ihn fort.
Weitere Hersteller sind bekannt.
Amerikanisches Etui, 1850er Jahre
1/6-Platte
Ateliers der gehobenen Klasse leisteten sich den Luxus von Etuis (bzw. gaben die Kosten dafür an ihre finanzkräftige Kundschaft weiter), die mit ihrem Namen versehen waren. Dieses Beispiel stammt aus dem Atelier der Gebrüder Williamson in Brooklyn.
Amerikanisches Etui, 1850er Jahre
1/6-Platte
Neben den lederbezogenen Etuis und den Union-Cases gab es noch die Gruppe der japonisierenden Etuis. Deren (aus Papiermaché gefertigte) Grundkörper wurden mit schwarzem Japan-Lack überzogen und erhielten Bemalungen, die an fernöstliche Arbeiten erinnerten. Oft sind kleine Perlmuttstückchen in den Bildaufbau integriert.
Amerikanisches Etui, 1850er Jahre
1/6-Platte

Ein Sonderfall ist das von Henry A. Eickmayer erfundene Etui, welches in Folge viele Nachahmer in den USA fand. Eickmeyer (fälschlich oft Eichmeyer geschrieben) wird 1852 zum ersten Mal urkundlich in Philadelphia als Etuimacher erwähnt. Sein Etui in Buchform wird 1855 zum Patent angemeldet, aber mit kleinen Veränderungen dann auch von Nachahmern produziert. Uns sind Etuis dieser Art von der 1/9-Platte bis zur 1/2-Platte bekannt. Die kleinen Etuis haben eine Schließe, die großen stets zwei.
Amerikanisches Etui, 1850er Jahre
1/6-Platte
Nicht zu verwechseln mit frühen Etuis vom Beginn der 1840er Jahre ist das so genannte Boston-Case. Diese schlichte Form ohne jeden Schmuck wurde tatsächlich in Boston hergestellt, und zwar in den 1850er Jahren. Das Etui hat weiche, abgerundete Ecken, zwei Metallscharniere und einen Push-Button-Verschluss.
Amerikanisches Etui, 1850er Jahre
1/6-Platte
Ungewöhnlich und recht selten ist der Etui-Typ von Halvor Halvorson, der am 25. März 1856 in Boston patentiert wurde. Es handelt sich im Prinzip um zwei Metallrähmchen, die je nach Geschmack entsprechende Füllungen erhielten. Ein langes Metallscharnier hält beide Teile zusammen.
Amerikanisches Etui, 1850er Jahre
1/6-Platte
Auch die mit Perlmuttstücken belegten Etus sind recht selten und entsprechend gesucht. Der Kern der Etuis besteht aus Holz.
Amerikanisches Etui, 1850er Jahre
1/6-Platte
Wie ein kleines verschließbares Buch wirkt dieser Etuityp, der mit unterschiedlichsten Aplikationen und Bezugsmaterial vorkommt.

   
   
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